Boris Akunin: Fandorin

Ermittlungen im Zarenreich

Am 13.05.1876 erschießt sich im Moskauer Alexandergarten vor den Augen der entsetzten Spaziergänger der 23-jährige Jurastudent und Alleinerbe eines Millionenvermögens Pjotr Alexandrowitsch Kokorin. Dass dies nicht, wie die Moskauer Neueste Nachrichten berichten, „ein bedauerlicher Vorfall, der vom herrschenden Zynismus unter der heutigen Jugend Zeugnis ablegt“ ist, davon ist der Neuling im Kriminalkommissariat, der 20-jährige Erast Petrowitsch Fandorin, Kollegienregistrator im 14. Beamtenrang, sofort überzeugt. Obwohl sein altgedienter, bequemer Vorgesetzter Xaveri Gruschin diese Meinung keineswegs teilt, erhält der ebenso naive wie eifrige Fandorin die Erlaubnis für weitere Nachforschungen und stürzt sich Hals über Kopf in diese Aufgabe. Sosehr er aber ein Geheimnis hinter dieser vermeintlichen Selbsttötung wittert, sowenig hätte er sich zu Beginn ausmalen können, welchen Umfang seine Ermittlungen schließlich annehmen würden, wie oft er sich gleich einer Katze mit sieben Leben in letzter Sekunde würde retten müssen und welch weltumspannender Verschwörung er mit Hilfe seines innovativen neuen Vorgesetzten schließlich auf die Spur kommt…

Das schüchterne, tollpatschige und ehrgeizige Stehaufmännchen Fandorin ist mir aufgrund dieser Eigenschaften und der ironisch-distanzierten Perspektive des Autors Boris Akunin schnell ans Herz gewachsen. Der erste Band der Reihe ist eine temporeiche Geschichte voller unerwarteter Wendungen, bei der man nie weiß, wer auf welcher Seite steht. Dass die Logik dabei das ein oder andere Mal auf der Strecke bleibt, ist schade, hat mich aber nicht übermäßig gestört. Dafür hat mir die Sprache, die der Handlungszeit angepasst ist, Spaß gemacht, ebenso wie die ironischen Anspielungen auf den Beamtenapparat des Zarenreichs. Mit Grigori Tschchartischwili, Moskauer Philologe, Kritiker, Essayist und Übersetzer aus dem Japanischen, schreibt ein Autor unter dem Pseudonym Boris Akunin diese historischen Krimis, dem man nicht nur seine Belesenheit, sondern auch seine Freude am Schreiben deutlich anmerkt. Das vorliegende Buch erschien im Original 1998, auf Deutsch erstmals 2001, und machte Akunin nicht nur in Russland äußerst populär.

Mir ist Fandorin durch einen glücklichen Zufall im Urlaub in die Hände gefallen. Mehr noch denn als Krimi hat es mir als Porträt der russischen Gesellschaft in der Endphase des Zarenreichs gefallen, und wenn der Aufbau Verlag es als Roman bezeichnet, soll wahrscheinlich genau dieser Aspekt hervorgehoben werden.

Boris Akunin: Fandorin. Aufbau 2003
www.aufbau-verlag.de

Camilla Läckberg: Predikanten

Blut ist dicker als Wasser

Es ist drückend heiß in Fjällbacka im Sommer 2003, als ein sechsjähriger Junge beim Spielen in den Kungsklyftan eine frische Frauenleiche und zwei Skelette entdeckt. Patrik Hedström, Kriminalpolizist bei der Tanumhede Polisstation und gerade für einige Tage im Urlaub zuhause mit seiner hochschwangeren Lebensgefährtin Erica Falck, kehrt an seinen Arbeitsplatz zurück und wird von seinem ungewöhnlich verbindlichen und gutgelaunten Chef Mellberg mit der Leitung der Untersuchungen beauftragt. Schnell kann die kleine Ermittlergruppe die Tote als die vermisste deutsche Urlauberin Tanja Schmidt identifizieren. Hinter den beiden Skeletten, die ebensolche Verletzungen und Knochenbrüche aufweisen wie die Leiche, vermuten Patrik und seine Kollegen die seit dem Sommer 1979 spurlos verschwundenen Siv Lantan, damals 19, und Mona Thernblad, damals 18 Jahre alt. Der Verdacht fiel nach ihrem Verschwinden auf Johannes Hult, ausgelöst durch eine Anzeige seines Bruders Gabriel, doch der Verdächtige nahm sich kurz darauf das Leben. Auch jetzt scheinen wieder alle Spuren zu dieser ebenso schillernden wie zerstrittenen Familie zu führen. Deren Oberhaupt, der inzwischen verstorbene Prediger einer Freikirche, Ephraim Hult, war bekannt für seine wundersamen Heilungen, für die er seine Söhne Johannes und Gabriel benutzte, bis er durch das Erbe einer dankbaren Anhängerin reich wurde. Zwar sind die beiden Familienteile heillos zerstritten, aber Blut ist bekanntlich dicker als Wasser…

Patriks Ermittlungen erfahren eine zusätzliche Dringlichkeit, als die 17-jährige Jenny Möller vermisst wird. Dreh- und Angelpunkt bleibt die Frage, ob ein Täter für mindestens drei Frauenmorde verantwortlich ist, oder ob Johannes Hult damals der Täter war und nun kopiert wird. Erica schlägt sich derweilen mit der Endphase ihrer Schwangerschaft, der erzwungenen Untätigkeit und ungebetenen Gästen herum, während alle unter der Hitze stöhnen.

Auch der zweite Band, Predikanten (deutsch: Der Prediger von Fjällbacka), der Reihe mit dem sympathischen Paar Erica Falck, Schriftstellerin, und Patrik Hedström von der Kriminalpolizei, hat mir wieder gut gefallen, auch wenn mir die ein oder andere der zahlreichen Nebenhandlungen etwas zuviel wurde. Außerdem erschien es mir nicht ganz glaubwürdig, dass im Falle der verschwundenen 17-Jährigen nicht ein viel größeres Team für die Suche gebildet wurde. In punkto Spannung kann es Camilla Läckberg aber mit den großen skandinavischen Krimiautoren problemlos aufnehmen und wie schon im ersten Band, Isprinsessan (deutsch: Die Eisprinzessin schläft), hat mir wieder die detaillierte Ausarbeitung der Charaktere besonders gut gefallen.

Mit einem Niveau von ca. B1 lässt sich der Krimi problemlos in der Originalsprache lesen, ganz ohne Wörterbuch, etwas langsamer, aber mit dem doppelten Vergnügen!

Camilla Läckberg: Predikanten. Månpocket 2013
www.alskapocket.se

Sehnsucht Italien

Eine akustische Reise von den Dolomiten bis nach Sizilien

„Eine akustische Reise von den Dolomiten bis nach Sizilien“ lautet der Untertitel zu diesen acht CDs, die in guten neun Stunden Features und Reportagen des Bayerischen Rundfunks 2 aus den Jahren 1983 bis 2015 zum Thema Italien bieten. Da ich solche Reiseberichte im Radio besonders gerne, meist aber nur zufällig höre, war ich von der Idee dieser Zusammenstellung sofort begeistert.

Inhaltlich geht es in der Mehrzahl der Berichte nicht um die großen Sehenswürdigkeiten, wie sie Baedeker und Co. präsentieren, sondern oft um spannende Details am Rande, wie z. B. die Casa Verdi in Mailand, ein Seniorenheim nur für Musiker, um die Cittàslow-Bewegung in Orvieto oder um eine Goethe-Anekdote vom Gardasee. Und wir wären nicht in Italien, wenn es nicht in vielen Beiträgen um Küche und Keller ginge; es empfiehlt sich daher, die CDs nicht mit leerem Magen zu konsumieren!

So bunt wie die Liste der Autoren und Sprecher ist auch die Gestaltung der 34 Beiträge: nur gesprochener Text oder mit Musik und Originaltönen angereichert, ausführlicher oder knapper, eher informativ oder eher emotional, wird es eines auf jeden Fall nie in diesen über neun Stunden: langweilig.

Während der Zuhörer auf den ersten sieben CDs geografisch von Norden nach Süden reist, was man auf der beigelegten kleinen Landkarte gut nachvollziehen kann, ist CD acht den drei Persönlichkeiten Franz von Assisi, Benvenuto Cellini und Giuseppe Garibaldi gewidmet sowie dem römischen Operneklat des Jahres 1730.

Man muss kein ausgewiesener Italien-Fan sein, um die Beiträge zu genießen und dabei im ausgezeichneten Booklet zu stöbern. Beim Hören der akustischen Reiseeindrücke auf dem heimischen Sofa entsteht bestimmt der Wunsch, die ein oder andere Stadt oder Region selbst zu bereisen oder wenigstens beim Italiener um die Ecke die gepriesenen Köstlichkeiten zu testen – Sehnsucht Italien eben.

Ich hoffe sehr, dass der Hörverlag aus diesem Projekt eine Reihe macht und es in Zukunft auch Zusammenstellungen von Features und Reportagen aus anderen Ländern und Regionen geben wird, zum einmaligen Hören im Radio sind sie einfach zu schade!

Sehnsucht Italien. der Hörverlag 2017
www.randomhouse.de

Julia Boehme & Julia Ginsbach: Tafiti und das fliegende Pinselohrschwein

Ein sehr spannendes Gänsehaut-Erdmännchen-Pinselohrschwein-Abenteuer

Tafiti und das fliegende Pinselohrschwein ist der zweite Band der Kinderbuchreihe um das pfiffige Erdmännchen Tafiti und seinen besten Freund, das Pinselohrschwein Pinsel. Die beiden Freunde haben schon so viel zusammen erlebt, dass sie auch das Gegrummel von Tafitis Opapa nicht stören kann, dem ein Erdmännchenfreund für seine Enkel lieber wäre. Doch als Pinsel Tafiti gleich zweimal aus den Fängen von Mr. Gogo, dem Adler, rettet, muss auch Opapa zugeben: Einen besseren Freund gibt es nicht für Tafiti, deshalb ernennt er ihn gleich zum Ehren-Erdmännchen.

Ein sehr spannendes Gänsehaut-Erdmännchen-Pinselohrschwein-Abenteuer von Julia Böhme, detailreich, bunt und witzig illustriert von Julia Ginsbach und dank der großen Schrift für Zweitklässler geeignet, zum Vorlesen bereits ab 5 Jahre.

Julia Boehme & Julia Ginsbach: Tafiti und das fliegende Pinselohrschwein. Loewe 2013
www.loewe-verlag.de

Gianrico Carofiglio: Reise in die Nacht

Ein herausragend anderer Krimi

Normalerweise lese ich Krimis eher selten zweimal. Bei Gianrico Carofiglios Reise in die Nacht habe ich nun eine Ausnahme gemacht, weil ich mein begeistertes Urteil aus dem Jahr 2007 überprüfen wollte, und kann es nun voll bestätigen. Dabei überzeugt mich nicht allein die Krimihandlung, bei der es nicht um polizeiliche Ermittlungsarbeit, sondern um einen Strafprozess geht, sondern vor allem auch das Privatleben des knapp 40-jährigen Ich-Erzählers und Anwalts Guido Guerrieri, der sich nach der plötzlichen Trennung seiner Frau und einem depressiven Absturz zurück ins Leben kämpft.

Dass ihm dieser Schritt gelingt, ist nicht nur seiner neuen Nachbarin Margherita, sondern vor allem dem Fall des senegalesischen Strandverkäufers Abdou Thiam zu verdanken, der beschuldigt wird, einen neunjährigen Jungen ermordet zu haben. Da Thiam die Tat vehement bestreitet, stützt sich die Anklage ausschließlich auf angeblich sichere Indizien und Zeugenaussagen, keine guten Vorzeichen für die Verteidigung, die Guerrieri trotzdem übernimmt.

Gianrico Carofiglio ist wie sein Hauptdarsteller Jurist, allerdings nicht Anwalt, sondern Anti-Mafia-Staatsanwalt in Bari, der Stadt, in der auch seine Guerrieri-Krimis spielen. Für alle, die lange Gerichtsszenen mit Zeugenvernehmungen und ausgeklügelten Plädoyers nicht schrecken, die wert auf eine gute Sprache legen und die einen differenzierten, ehrlichen, sympathischen, emotionalen Helden kennenlernen möchten, der sich, seinen Beruf und seine Mitmenschen mit viel Ironie und Sarkasmus betrachtet, der ist mit diesem ersten Band der Bari-Krimis bestens bedient.

Gianrico Carogiglio: Reise in die Nacht. Goldmann 2007
www.randomhouse.de

Kirsten Wulf: Sommer unseres Lebens

Ein Revivaltrip mit Stärken und Schwächen

Die Leseprobe zu diesem Roman hat mich angesprochen, ebenso wie das stimmungsvolle, aber nicht kitschige Cover im Gegenlicht. Die Grundidee des Buches – drei Freundinnen, die sich nach einem zufälligen gemeinsamen Urlaub in Portugal vor 25 Jahren mit 50 am alten Ort zu einem Revivaltrip wiedertreffen – fand ich interessant. Die Verschiedenheit der Charaktere versprach gute Unterhaltung und die drei Zeitebenen, der Urlaub 1989 und seine Vorgeschichte, die 25 Jahre, die inzwischen ins Land gegangen sind, während derer die Frauen so gut wie keinen Kontakt zueinander hatten, und die erneute Reise 2014, bieten jede Menge Stoff jenseits des Genres „seichter Frauenroman“.

Sowohl mit 25 Jahren als auch jetzt im Alter von 50 stehen Hanne, Claude und Miriam an Wendepunkten, doch während ihnen damals noch alle Wege offenstanden, sind die Möglichkeiten nun deutlich eingeschränkt, es gilt, „den Schrott der ersten 50 Jahre aufzuräumen“. Hanne, die geschiedene Mutter von vier Kindern und marathonlaufende Yogalehrerin, Claude, die singende Barfrau in ihrem Hamburger „Duckdalben“, die nie eine Beziehung auf Dauer führen konnte, und Dr. Miriam Ferber, die emanzipierte Karrierefrau mit Familie und Hund, deren Hamsterrad sich unentwegt dreht, wollen Bilanz ziehen und die Weichen für die Zukunft stellen. Dieser Teil des Romans von Kirsten Wulf hat mir gut gefallen und liest sich locker-einfach, unterhaltsam, aber nicht flach. Mehr hätte es in meinen Augen nicht gebraucht. Leider wird im letzten Drittel des Buches dann aber eine alte Geschichte hochgekocht, die Gefühle wallen auf, es wird gezickt und kleine Dramen werden unnötig aufgeblasen.

Diesen letzten, für mich langatmigen Teil mit dem allgemeinen Happy End habe ich nur noch überflogen, in Erinnerung bleiben werden mir die schönen Eindrücke von Portugal und die drei interessanten Frauenbiografien.

Kirsten Wulf: Sommer unseres Lebens. Kiepenheuer & Witsch 2017
www.kiwi-verlag.de

Michael Koglin: Zeitreise auf 4 Pfoten – Eine Katze für Kleopatra

So eine Zeitreise ist ganz schön gefährlich

Hätte der zerstreute Professor Theodorus Tempus nicht vergessen, den Sicherheitshebel an seiner unfertigen Zeitmaschine umzulegen, dann hätte es die neue Abenteuer-Reihe Zeitreise auf 4 Pfoten vermutlich nie gegeben. Doch nachdem ihm dieses Missgeschick passiert ist, kommen nacheinander ein Schimmel, ein weißer Löwe, eine riesige Schildkröte, ein Kätzchen, ein Esel, eine Schlange, ein Papagei, ein Rabe, ein wunderschöner Pfau und ein kleiner Dinosaurier aus der Maschine. Eine Fehlfunktion hat sie aus der Vergangenheit zum Professor, zu seiner mutigen, pfiffigen Enkelin Lia und zu Curry, Ich-Erzählerin und sicherlich die klügste Hündin der Welt, katapultiert. Keineswegs können sie die Tiere behalten, denn das würde den Verlauf der Weltgeschichte gehörig durcheinanderbringen und ein heilloses Chaos stiften. Deshalb beginnen die drei Abenteurer mit der Rückführung des Kätzchens, das laut Zeitreiseprotokoll der ägyptischen Königin Kleopatra gehört, lassen sich ins alte Ägypten zurücktransportieren und sind prompt mittendrin in einer Verschwörung, einem Giftanschlag auf Kleopatra und dem Geheimnis um den Kornschwund.

Der Einstieg in die neue Zeitreise-Reihe von Michael Koglin ist genial umgesetzt und zeichnet die Themen der verschiedenen Bände bereits vor, auch wenn ich bei weitem nicht jedes Tier spontan einem historischen Hintergrund zuordnen kann. Die Reise in das Ägypten der Pharaonen ist ausgesprochen spannend und vermittelt zugleich viel Wissenswertes über diese Epoche, ergänzt durch ein Glossar. Die drei Protagonisten, die in diesem Band noch von der Tochter eines ägyptischen Baumeisters unterstützt werden, sind sehr sympathisch und bilden ein perfektes Team.

Die Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Fréderic Bertrand im Comicstil werden bei der Zielgruppe sicherlich gut ankommen, allerdings hätten es gerne mehr sein können. Aus diesem Grund empfehle ich das Buch eher für Drittklässler, Zweitklässler könnte die Textmenge pro Seite noch überfordern. Vorlesen kann man das Buch allerdings auch schon ab sechs Jahren und die ein oder andere Information ist dann bestimmt auch für die Erwachsenen neu.

Michael Koglin: Zeitreise auf 4 Pfoten – Eine Katze für Kleopatra. Egmont Schneiderbuch 2017
www.egmont-vg.de

F. Scott Fitzgerald: Ein Diamant – so groß wie das Ritz

Eine makabere Szenerie

Nachdem ich es immer noch nicht geschafft habe, Der große Gatsby von F. Scott Fitzgerald (1896 – 1940) zu lesen, wollte ich mir mit diesem Hörspiel zu seiner Kurzgeschichte Ein Diamant – so groß wie das Ritz von 1922 wenigstens einen Höreindruck des Autors verschaffen. Leider konnte ich weder der Handlung noch der Hörspielbearbeitung viel abgewinnen.

John T. Unger aus Hades, einer Kleinstadt am Mississippi, besucht ein Eliteinternat in der Nähe von Boston. In den Ferien wird er von Klassenkameraden nach Hause eingeladen, so auch dieses Mal zu den Washingtons nach Montana. Auf dem Weg dorthin eröffnet ihm Percy Washington, dass sein Vater der reichste Mann der Welt ist und ihr Chateau auf einem Berg steht, der aus einem Diamanten von der Größe des Ritz-Carleton besteht. John ist fasziniert und geblendet vom Reichtum seiner Gastgeber und verliebt sich in Percys naive Schwester Kismine. Bald jedoch merkt er, welch schreckliche Dinge sich hinter der prächtigen Fassade abspielen und welch furchtbares Schicksal ihm zugedacht ist. Doch er hat keineswegs die Absicht, sich zu kampflos fügen…

Leider konnten mich die makaberen Vorgänge hinter dem schönen Schein überhaupt nicht packen und die Bedeutung der Geschichte hat sich mir nicht erschlossen. Gut gefallen haben mir die Stimmen von Jürgen Hentsch als Erzähler und Boris Aljinovic als John, nervig fand ich dagegen Kathrin Angerer als Kismine. Die Klänge der E-Gitarre passen für mich nicht zu einer Handlung in den 1920er-Jahren, sind mir teilweise im Vergleich zu den Stimmen zu laut, so dass ich mehrmals regelrecht hochgeschreckt bin, und haben mich – soweit sie parallel zu den Sprechern zu hören waren – sogar ausgesprochen beim Zuhören gestört. Sehr gut gelungen, da informativ und schön gestaltet, ist dagegen das Booklet.

Alles in allem hat mich das 49-minütige Hörspiel in zwei Absichten bestärkt: Erstens werde ich irgendwann doch noch Der große Gatsby lesen, um mir ein Urteil über F. Scott Fitzgerald zu bilden, und zweitens in Zukunft wieder bei den von mir sowieso deutlich bevorzugten Lesungen bleiben.

F. Scott Fitzgerald: Ein Diamant – so groß wie das Ritz. Der Audio Verlag 2002
www.der-audio-verlag.de

Grégoire Delacourt: Der Dichter der Familie

Kein leichter Sommerroman

2016 hat mich Die vier Jahreszeiten des Sommers von Grégoire Delacourt als leichte, poetisch-melancholische Sommerlektüre begeistert, eine kunstvoll konzipierte Sammlung von Geschichten, die am Ende doch alle miteinander verwoben werden.

Nun war ein neuer Roman des französischen Autors angekündigt, Der Dichter der Familie, wieder mit einem sehr schön gestalteten Cover, der sich bei genauerem Hinsehen jedoch als sein nachträglich ins Deutsche übersetzter Erstling aus dem Jahr 2011 entpuppte. Was ich darin wiedergefunden habe, ist der melancholische Ton, doch fehlt ihm leider völlig die Leichtigkeit der Erzählweise, die ich bei Die vier Jahreszeiten des Sommers so geschätzt habe. Stattdessen haben wir es mit einem selbstmitleidigen Ich-Erzähler, Édouard, zu tun, der sein Leben von seinem achten Lebensjahr an bis zum Alter von 32 Jahren erzählt. Obwohl ihm aufgrund seiner schlechten Startbedingungen ins Leben das Mitleid des Lesers sicher ist – der Großvater war in Mauthausen, die Eltern trennen sich, er selbst kam wegen nicht näher beschriebener Auffälligkeiten ins Internat und der behinderte Bruder in eine Anstalt – hat mich doch mit zunehmendem Alter des Ich-Erzählers dessen Passivität, sein Sichtreibenlassen und der klagende Ton genervt. Können wir wirklich lebenslang unser Elternhaus für alle Misserfolge und Fehlentwicklungen verantwortlich machen? Dafür, dass wir das falsche Studium wählen, weil wir andere für uns entscheiden lassen, dass wir den falschen Partner heiraten, dass wir nie nein sagen, wenn wir nein meinen? Im Falle Édouards kommt allerdings erschwerend hinzu, dass ihm nach selbstverfassten kurzen Reimen im Alter von sieben Jahren die Rolle des „Dichters der Familie“ zugedacht wird, eine Messias-Erwartung zur Familienrettung, die er nie erfüllen kann, gegen die er sich aber auch nie zur Wehr setzt. Seine bedeutenden Erfolge als Werbetexter gehen dagegen nahezu unter, obwohl sie ihn und seine Familie reich machen.

Neben der schier endlosen Kette von Niederlagen in Édouards Leben hat mich die an einigen, zugegeben wenigen Stellen sehr vulgäre Sprache gestört, die sich neben durchaus poetischen Abschnitten wie Fremdkörper anfühlen. Viele Bezüge zu französischen Chansons, Filmen oder Persönlichkeiten habe ich leider trotz meiner Affinität zu Frankreich nicht verstanden. Am Ende konnte mich nicht einmal die Aussicht auf eine Veränderung zum Positiven optimistisch stimmen, zu verfahren scheinen die Schicksale der Familienmitglieder und zu eingefahren ihre Verhaltensmuster.

Vielleicht ist es nicht ganz fair, Autoren nur an ihren großen Erfolgen zu messen und mit denselben hohen Erwartungen an ihre Frühwerke zu gehen. So blieb dieser Erstling, der ganz gewiss das Attribut „Sommerroman“ nicht verdient, für mich unbefriedigend. Nichtsdestotrotz freue ich mich auf wirklich neue Titel aus der Feder Delacourts. Ob man ihm mit der nachträglichen Übersetzung seines Debüts allerdings einen Dienst erwiesen hat, halte ich zumindest für fraglich.

Grégoire Delacourt: Der Dichter der Familie. Atlantik 2017
www.atlantikverlag.de

K. A. Nuzum: Hundewinter

Ein Hund als Therapie

Dessa Dean ist elf Jahre alt und lebt mit ihrem Vater fernab der Zivilisation in einem Häuschen im Wald. Seit ihre Mutter vor ihren Augen an Unterzuckerung im Schneesturm erfroren ist, ist das Mädchen traumatisiert. Während ihr Vater seine Tage als Jäger draußen verbringt, traut sich Dessa Dean nur noch bis auf die Terrasse, dann werden ihre Ohrenschmerzen so stark, dass sie umkehren muss. Erst als ein verletzter, einsamer Hund sie zu besuchen beginnt, der Angst vor geschlossenen Räumen hat, setzt allmählich ein Heilungsprozess ein. Die Erfahrung, gebraucht zu werden, beginnt das Trauma in den Hintergrund zu drängen, und Dessa Dean wächst über sich hinaus, als es darauf ankommt…

Mit großen Erwartungen bin ich an dieses Buch gegangen, das 2011 für den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie Kinderbuch nominiert war. Nach der Lektüre bin ich zwiegespalten: Als Erwachsene finde ich den Titel rundherum beeindruckend, vo Cover über die Naturschilderungen, die ruhige, sensible Erzählweise und die Worte, die die US-amerikanische Autorin K. A. Nuzum für das Trauma und die beginnende Heilung von Dessa Dean findet. Aber ich das Buch meinen Töchtern mit elf Jahren hätte? Ehrlich gesagt eher nicht, denn dafür empfinde ich es als zu traurig und melancholisch, auch wenn das Ende hoffen lässt. Ich bin mir aber sicher, dass es ihnen heute, als junge Erwachsenen, genauso gut gefallen würde wie mir.

K. A. Nuzum: Hundewinter. Carlsen 2012
www.carlsen.de