Je zwei Seiten von Familie und Landschaft

Birgit Bachmann beginnt ihren Debütroman Ein Samstag im August mit einem ausgezeichneten Prolog über die zwei Seiten von Familie, die sie mit einer Flickendecke vergleicht: kratzig, verdeckend und erstickend einerseits, aber auch fantasieanregend, tröstend und mit dem vertrauten Geruch der Kindheit behaftet.
In ihrer Ambivalenz ähnelt Familie dem Ort, an dem der Roman spielt: der norddeutschen Tiefebene. Während die Weite für viele Alteingesessene etwas Tröstliches hat, fühlen sich Zugezogene oft schutzlos und verloren.
Umbrüche und Entscheidungen
Vom letzten Samstag im August bis zum Epilog im Herbst begleiten wir lesend drei Generationen der Familie Wortmann. Sie leben in zwei benachbarten Kleinstädten, je nach individuellen Vorlieben im Reetdachhaus oder im schicken Neubaugebiet. Nur bei der jüngsten Generation zeigen sich erste Abwanderungstendenzen.

Sieben Familienmitglieder kommen selbst zu Wort: die 85-jährige Sigrid, ihre Töchter Elvira und Mona, Elviras Mann Jobst, Sigrids Schwiegertochter Kathi und deren Sohn Fiete sowie Monas Tochter Frieda. Sie alle stehen vor mehr oder minder großen Umbrüchen, kämpfen gegen schwerwiegende Kindheitstraumata und aktuelle Probleme, sehen sich nach der Enthüllung eines alten Familiengeheimnisses um sichergeglaubte Gewissheiten gebracht oder müssen entscheiden, ob die Verwirklichung alter Träume den Ausbruch aus gewohnten Strukturen rechtfertigt. Lohnt das Herumstochern in der Vergangenheit wie in einer verkrusteten Wunde oder sollte man sie besser ruhen lassen? Ist es an der Zeit, das Schweigen zu brechen, damit Neues entstehen kann? Und wie kann Familie dabei helfen, Probleme zu lösen, die sie nicht selten selbst verursacht hat? Für alle Wortmanns weitet allmählich der Blick und niemand geht unverändert aus diesen Monaten hervor. Es zeigt sich, dass die Familie eindeutig mehr verbindet als die gemeinsame Vorliebe der Frauen für Quark-Marmelade-Brötchen.
Ein netter Sommerroman, der noch mehr Potential gehabt hätte
Die multiperspektivische Erzählweise und die vielen Cliffhanger am Ende der kurzen, dialogreichen Kapitel sorgen dafür, dass man durch den Roman fliegt und sich gut dabei unterhält. Allerdings sind sieben Protagonistinnen und Protagonisten mit zahlreichen alten und neuen Problemen auf nur 250 Seiten eindeutig zu viel, um wirklich in die Tiefe zu gehen, weshalb viele interessante Themen leider nur an der Oberfläche bleiben. Nicht nur wegen des Prologs und des angenehm flüssigen Erzählstils, der gekonnten Spannungsbögen und der hervorragend gelungenen Parallelen zwischen familiären und meteorologischen oder klimabedingten Ereignissen hatte ich den Eindruck, dass hier mehr als nur ein netter Sommerroman mit einem gemeinsam vorbereiteten Geburtstagsbuffet zu Sigrids 86. Geburtstag als krönendem Finale möglich gewesen wäre. Gelesen habe ich das ruhig erzählte Buch trotzdem gern.
Birgit Bachmann: Ein Samstag im August. btb 2026
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