Moral – Medien – Politik

Radelt oder läuft man in meiner Heimatstadt Ludwigsburg auf dem steilen Heilbadweg vom Neckar hoch zum Residenzschloss, trifft man in Höhe des Heilbads Hoheneck auf ein neugotisches Mausoleum. Errichten ließ es der Hohenecker Ehrenbürger Dr. Johann Wilhelm oder auch Johannes Ebel (1784 – 1861) im Park seines ehemaligen Anwesens für sich, seine Frau Auguste, zwei seiner Kinder und zwei treue Anhängerinnen.

Noch heute tragen im Ludwigsburger Stadtteil Hoheneck, wo Ebel und seine Gemeinschaft die Armenhilfe und die Renovierung der Wolfgangkirche unterstützten sowie den ersten Kindergarten gründeten, eine Kindertagesstätte und eine Straße seinen Namen.

Doch wer war dieser Mann, der 1850 nach Hoheneck kam und dort bis zu seinem Tod lebte, nachdem er in den 1830er-Jahren im Mittelpunkt eines deutschlandweit von der Presse aufgeputschten Skandals im preußischen Königsberg stand? Der 1960 geborene australische Preußenexperte, Autor mehrerer Sachbuch-Bestseller und in Cambridge lehrende Historiker Christopher Clark geht dieser Frage in seinem Buch Skandal in Königsberg – Eine Geschichte von Moral, Medien und Politik aus dem alten Preußen nach.
Die Muckerbewegung
Königsberg war nach der Ära von Immanuel Kant (1724 – 1804) in den Rang einer verschlafenen Provinzstadt zurückgefallen, als der Pastorensohn und lutherische Prediger Dr. Johannes Ebel dort die Altstädter Kirchengemeinde übernahm. Zusammen mit seinem Kollege Georg Heinrich Diestel (1785 – 1854) scharte er eine pietistische Gruppe, die sogenannten „Mucker“, um sich, die sich zunächst an der Erweckungsbewegung des selbsternannten Theosophen Johann Heinrich Schönherr (1771 – 1826) orientierte. Mit der Heilung der unter Trübsinn und religiösen Ängsten leidenden Ida von der Groeben, die ihn später nach Hoheneck begleitete, erreichte Ebel 1824 den Höhepunkt seines Ansehens, hatte zugleich jedoch viele Feinde und Neider unter Geistlichen, Politikern und Aussteigern aus seiner Bewegung. Ab 1835 wurden Ebel und Diestel suspendiert und es wurde ihnen der Prozess wegen Bildung einer illegalen Sekte und Anstiftung zu unsittlichem Verhalten gemacht:
Vom ostpreußischen Konsistorium über den Oberpräsidenten der Provinz, das Kultusministerium bis hin zur Justiz in Königsberg und Berlin hatte sich die offizielle Meinung des Königreichs Preußen gegen die beiden angeklagten Kirchendiener verschworen. (S. 155)
Die Presse und die kursierenden Gerüchte waren für die Entwicklung des Skandals um Ebel und Diestel ausschlaggebend. (S. 175)
Inwieweit eigene sexuelle Verfehlungen der beiden Hauptbelastungszeugen und das queer anmutende Erscheinungsbild des Familienvaters Johannes Ebel zu den Vorwürfen beitrugen, ist Spekulation. Allerdings wurde Ebel im Berufungsprozess von 1842, nachdem unter dem neuen König Friedrich Wilhelm IV. die Stimmung gegenüber Evangelikalen und Pietisten freundlicher geworden war, bescheinigt, ein „rechtschaffener Mann von tadelloser Sittenreinheit“ (S. 165) zu sein. Die Entlassung aus ihren kirchlichen Ämtern allerdings blieb für beide bestehen.
Erbitterte Gegner versus glühende Anhängerinnen
Sehr beeindruckend ist einerseits die Vielzahl der Quellen, die der erfahrene Historiker Christopher Clark heranzieht, andererseits die Herausarbeitung von Parallelen zu heutigen Auswüchsen medialer Hysterie. Trotzdem konnte mich dieses sehr detailreiche, teils sperrig geschriebene Sachbuch leider nicht durchgängig fesseln. Was mir neben einem Personenregister fehlte, war vor allem das tiefere Verständnis der Figur Ebel, den man nur entweder durch seine erbitterten männlichen Gegner oder seine glühenden, meist weiblichen Anhängerinnen kennenlernt, und dessen Charisma zwar häufig betont, aber nicht gezeigt wird. Kenntnisse über gegensätzliche Strömungen innerhalb der evangelischen Kirche wären außerdem hilfreich gewesen.
Wer über mehr Vorwissen verfügt und einen Beweis sucht, dass Shitstorms, Fake News und das Fehlen einer unabhängigen Justiz im Zusammenspiel mit öffentlichem Druck auch schon vor dem Zeitalter von Social Media Existenzen vernichten konnten, wird an diesem intensiv recherchierten Sachbuch Gefallen finden.
Christopher Clark: Skandal in Königsberg. Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz. DVA 2025
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