Kleine Ursache – große Wirkung

Als 1937 der schmale Debütroman Gentleman über Bord von Herbert Clyde Lewis (1909 – 1950) in den USA erschien, war ein Mann von 35 Jahren bereits in der Midlifekrise. Den Protagonisten Henry Preston Standish erwischte es aus heiterem Himmel. Als direkter Nachfahre der Pilgerväter, erfolgreicher New Yorker Börsenmakler und gut verheirateter zweifacher Familienvater war er grundsolide, langweilig, ein geradezu öder Mann, der alles mit Maßen tat, ein „Gentleman von der guten, unaufdringlichen Sorte“ (S. 25).
Ein falscher Schritt
Mit Zustimmung seiner verständnisvollen Frau nimmt sich Standish eine mehrwöchige Auszeit und geht allein auf Reisen. Als er aus einer plötzlichen Laune heraus den Frachter Arabella von Honolulu nach Panama wählt, ist er bereits auf dem Rückweg. Erholt und gekräftigt findet er alles „wunderbar, fabelhaft und großartig“ (S. 14) und gibt sich offen gegenüber seinen acht Mitpassagiere aus ihm fremden Milieus. Ausgerechnet an Tag 13 der Überfahrt ereilt ihn beim Betrachten des Sonnenaufgangs um 5.23 Uhr an Deck ein gar nicht zu einem Gentleman passendes Missgeschick: er rutscht auf einem trügerischen Ölfleck aus und stürzt bei 12 Grad nördlicher Breite und 108 Grad westlicher Länge an der wenig befahrenen Route kopfüber in den Pazifik.
Ein Gentleman bleibt ein Gentleman, selbst in inkommoder Lage, und so ist sein erstes Gefühl nicht Angst, sondern Scham:
Es war so dumm, so absolut ohne Grund oder Präzedenz, so fehl am Platz für einen Mann seiner Position! (S. 81/82)
Immerhin ist das Meer spiegelglatt und warm, mit Haien ist nicht zu rechnen. Viel zu spät beginnt er zu schreien, findet seine Lage zunächst sogar komisch und geht von seiner zeitnahen Rettung aus. Voller Vorfreude sinnt er darüber nach, was er dann zu erzählen hat!

Spannungsbogen bis zum Schluss
In zehn Kapiteln und auf nur gut 150 perfekt auf den Punkt gebrachten Seiten begleiten wir lesend vor allem den schiffbrüchigen Standish, aber auch die Mitpassagiere und Crewmitglieder der Arabella in den Stunden nach dem verhängnisvollen Fehltritt. Während Standish fest damit rechnet, schnell vermisst zu werden, verhindert eine Kette unglücklicher Umstände genau das. Unterdessen durchläuft der Unglücksraben sämtliche vorstellbaren Gefühlregungen und Stimmungen von Scham, Amüsiertheit, Zuversicht, Fassungslosigkeit, Einsamkeit, Begreifen, Trauer, Panik, Empörung, Wut, Verzagen, Resignation und Todesangst bis zu Akzeptanz. Je mehr sein Optimismus schwindet, desto mehr von dem, was ihn zum Gentleman machte, entgleitet ihm: seine Uhr, seine Brieftasche, seine Kleider, sein Glaube an die eigenen Fähigkeiten, seine Selbstwahrnehmung, und desto intensiver hofft, bangt und leidet man mit ihm. Dabei erspart Herbert Clyde Lewis uns Leserinnen und Lesern jegliche Pathetik und schafft durch seinen humorvoll-ironischen, nie hämischen Ton die nötige Distanz, um die Tragik aushaltbar zu machen. Auf der Arabella dagegen bastelt man sich eine ganz andere Theorie zusammen: Wirkte Standish nicht schon immer lebensmüde?
Lesen!
Es ist kaum vorstellbar, dass Gentleman über Bord erst 86 Jahre nach seinem Erscheinen in den USA vom mareverlag entdeckt und 2023 in einer brillanten Übersetzung von Klaus Bonn auf Deutsch veröffentlicht wurde, die sowohl der anfänglichen Komik als auch der zunehmenden Tragik und der Eleganz des Textes gerecht wird. Auf die edle Hardcover-Leinenausgabe im Schuber folgte 2025 ein sehr lesefreundliches Taschenbuch, jeweils mit einem hilfreichen Nachwort von Jochen Schimmang.
Eine zeitlose, viel zu lange unbeachtet gebliebene, mitreißende literarische Perle, uneingeschränkt und für ein großes Publikum zu empfehlen.
Herbert Clyde Lewis: Gentleman über Bord. Aus dem amerikanischen Englisch von Klaus Bonn. Mit einem Nachwort von Jochen Schimmang. mareverlag 2025
www.mare.de