Ein Roman für die amerikanischen Arbeiter

Als der US-amerikanische Schriftsteller, Enthüllungsjournalist und politische Aktivist Upton Sinclair (1878 – 1968) seinen Roman The Flivver King („Der Blechkistenkönig“, deutsch in der Übersetzung von Jörg Schröder unter dem Titel Am Fließband) 1937 veröffentlichte, zielte er nicht auf das übliche Publikum belletristischer Veröffentlichungen. Vielmehr richtete er sich, wie die Widmung belegt, an die amerikanischen Arbeiter. Erstverleger war die 1935 gegründete Gewerkschaft United Automotive Workers. Upton Sinclair wollte Arbeiter über wirtschaftliche Zusammenhänge aufklären und für den gemeinsamen Kampf um Arbeiterrechte und soziale Gerechtigkeit mobilisieren. Theodor Roosevelt galt der Sozialist und spätere Demokrat Upton Sinclair wegen solcher Publikationen als „Muckraker“, „Schmutzaufwühler“ oder „Nestbeschmutzer“.
Die Ford Motor Company mit Sitz im US-amerikanischen Dearborn, Michigan, nahe Detroit, ist heute der weltweit sechstgrößte Kraftfahrzeug-Hersteller. Upton Sinclair geht in seinem Roman Am Fließband zu den Ursprüngen der Marke zurück, die in den 1890er-Jahren in einer Garage in Detroit liegen. Dort steckte der Farmersohn und genialer Tüftler Henry Ford (1863 – 1947) sein gesamtes Geld und jede freie Stunde in die Erfindung eines Wagens ohne Pferde und träumte einer gerechteren Gesellschaft mit allgemeinem Wohlstand. Mit der Gründung der Ford Motor Company 1903 und der Erfindung des Fließbands wenige Jahre später erfüllte sich dank des schwarzen Ford-T-Modells seine Vision einer Massenproduktion.
Zwei Leben, meilenweit entfernt und untrennbar verbunden
Wie dieser menschenfreundliche Idealist, Pionier, Pazifist und für sein soziales Verhalten hochgelobte Arbeitgeber zusehends verbitterte, sich zu einem glühenden Antisemiten, Antikommunisten und immer gewissenloseren Unternehmensführer entwickelte, der von der firmeneigenen, 3600 Mann starken Polizeitruppe mit Maschinengewehren auf Demonstranten schießen ließ, zum Kreuzzug gegen das neue Amerika aufrief und seine Ansichten in der eigens dafür gekauften Zeitung Dearborn Independent verbreitete, beschreibt der erste der beiden Handlungsstränge. Upton Sinclair schöpfte dafür aus Recherchen, Henry Fords Autobiografie und Gesprächen mit ihm, die er nach Ende des Ersten Weltkriegs führte.

Dem Aufstieg Henry Fords stellt Upton Sinclair im zweiten Handlungsstrang den fiktiven ungelernten Arbeiter Abner Shutt gegenüber, an dessen Leben und Familie er die Auswirkungen des unkontrollierten Profitstrebens veranschaulicht. Dieser Prototyp des patriotischen, weißen, protestantischen Arbeiters war als Kind Zeuge der Garagen-Experimente und blieb seinem Idol über alle Wirtschaftskrisen, Existenznöte und steigende Ausbeutung hinweg lebenslang unkritisch ergeben. Abners vier Kinder, alle mit Ausbildung, lebten im Dunstkreis der Ford-Werke, der jüngste Sohn Tom, der es dank seines sportlichen Talents zum Collegeabschluss brachte, als Gewerksschaftsaktivist.
Interessant und aktuell
Keine Frage: Am Fließband ist als biografischer Roman und Sozialstudie mit seiner Kapitalismus- und Medienkritik heute nicht weniger interessant und lehrreich als bei seinem ersten Erscheinen. Parallelen zwischen dem ersten Dollarmillionär Henry Ford und dem ersten Dollarbillionär Elon Musk drängen sich geradezu auf: bezüglich des grenzenlosen Kapitalismus, medialer und politischer Einflussnahme sowie der Behinderung gewerkschaftlicher Organisation:
Henry war mehr, als je ein Feudalherr gewesen war; er besaß ja nicht nur die Macht des Geldes, sondern auch der Presse und des Rundfunks. (S. 171)
Absolut nachvollziehbar ist daher die Entwicklung von Abner Shutt, der dieser Propaganda hilflos ausgeliefert war:
Abner war einer von den hundert Millionen Amerikanern, die nur das wussten, was sie in den Zeitungen lasen. (S. 219)
Über die „Neuen Propheten“ (S. 110), die Henry Ford beeinflussten, hätte ich dagegen gerne mehr erfahren. Dass Upton Sinclair darauf nicht eingeht, liegt vermutlich an der Zielgruppe des Buches, genau wie die einfache, bis auf das furiose Finale streckenweise ermüdend gleichförmige Erzählweise mit kurzen Sätzen und Kapiteln, über die ich mich lange gewundert habe. Ein Vorwort zur Entstehungsgeschichte wäre deshalb hilfreich gewesen.
Ein ebenso fakten- wie aufschlussreicher Klassiker über die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Macht und die Erfindung des Fließbands, leicht verständlich geschrieben und auch nach knapp 100 Jahren leider noch topaktuell.
Upton Sinclair: Am Fließband. Aus dem Englischen von Jörg Schröder. Mit einem Nachwort von Dietmar Dath. Unionsverlag 2026
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