Graham Norton: Ein irischer Dorfpolizist

  Ein charmanter Dorf-(Kriminal-)Roman

Im südirischen Dorf Duneen scheint die Zeit nicht zu vergehen, sie versickert. Der aus Limerick zugezogene Dorfpolizist Sergeant Patrick James Collins hat es seit 15 Jahren hauptsächlich mit der Regelung des Verkehrs zu tun. Das ist gut so, denn angesichts seiner Korpulenz scheint PJ, wie er genannt wird, nicht für die Verbrecherjagd prädestiniert.

So ähnlich wie im südirischen Sneem könnte es im fiktiven Dorf Duneen aussehen. © M. Busch

Ein Bagger bringt es ans Licht
Als bei Ausschachtungsarbeiten auf dem Gelände des ehemaligen Bauernhofs der Burkes menschliche Knochen gefunden werden, ist es mit dem Frieden im Dorf vorbei. PJs fürsorgliche Haushälterin Mrs. Meany berichtet ihrem ahnungslosen Chef vom jungen Hoferben Tommy Burke, der vor 26 Jahren einen Bus bestiegen haben soll und spurlos verschwand. Zwei Frauen hatten sich zuvor auf der Hauptstraße um ihn geprügelt: seine Verlobte Brid Riordan und seine Haushaltshilfe, die 17-jährige Evelyn Ross. Beide leiden bis heute unter seinem rätselhaften Verschwinden. Die zweifache Mutter Brid ertränkt den Kummer über ihre langweilige Ehe in Wein, die elegante Evelyn blieb nach dem tragischen Verlust beider Eltern und ihrer großen Liebe bei ihren beiden ebenfalls unverheirateten Schwestern auf dem elterlichen Hof hängen. Gehören die Knochen Tommy Burke, wie nicht nur Evelyn und Brid vermuten, oder hat er gemordet und sich aus dem Staub gemacht hat?

Aus Cork wird PJ der Superintendent Linus Dunne vor die Nase gesetzt, ein typischer Schnösel aus der Stadt. Schnell erweist sich der alte Fall als überraschend kompliziert. Vor allem PJ, dem es so sehr an Selbstbewusstsein mangelt, wächst zunehmend über sich hinaus und überrascht alle, am meisten sich selbst. Stück für Stück kommen jahrzehntelang streng gehütete Geheimnisse verschiedener Dorfbewohnerinnen ans Licht und nur schlecht vernarbte Wunden brechen wieder auf.

Mehr Roman als Krimi
Im Mittelpunkt des Debütromans von Graham Norton, gebürtiger Ire und Großbritanniens bekanntester Talkmaster, steht nicht der Kriminalfall, vielmehr geht es um die Bewohner und vor allem Bewohnerinnen Duneens. Überzeugen konnten mich vor allem die Charakterzeichnungen und der respektvolle Umgang Nortons mit diesen vom Leben gezeichneten Menschen. Egal, ob es um PJs Fettsucht, Brids Alkoholismus oder Evelyns altjüngferliches Benehmen geht, ob um die verhuschte Mrs. Meany oder eine der Klatschbasen des Dorfes, niemand wird der Lächerlichkeit preisgegeben oder seiner Würde beraubt. Obwohl beileibe kein Thriller, ist die allmähliche Entflechtung der ineinander verwobenen Schicksale interessant und oft überraschend, wobei ich zu meiner Freude dem behäbigen PJ oftmals voraus war.

Schade, dass es nach dem vergleichsweise versöhnlichen Ende kein Wiedersehen in Duneen geben wird. Ob wir stattdessen PJ irgendwann an neuer Wirkungsstätte erleben?

Die ungekürzte Hörbuchfassung in der Reihe „argon teatime“ auf einer MP3-CD. © B. Busch

Die Hörbuchfassung
Die getragene, angenehm tiefe Stimme von Charly Hübner erschien mir zunächst für die Dauer von über acht Stunden als etwas zu emotionslos. Je länger ich ihm jedoch zuhörte, desto passender zur Melancholie des Dorflebens, zum langsamen Vergehen der Zeit, zur Behäbigkeit PJs, aber auch zum immer wieder durchscheinenden Humor Graham Nortons erwies sie sich. Selbst die manchmal etwas schludrige Aussprache und Intonation wollte ich schnell nicht mehr missen, ist sie doch ebenso charmant wie dieser liebenswerte Dorf-(Kriminal-)Roman.

Graham Norton: Ein irischer Dorfpolizist. Aus dem Englischen von Karolina Fell. Gelesen von Charly Hübner. Argon 2018
www.argon-verlag.de

 

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