Julian Barnes: Der Mann im roten Rock

  Mit Vergnügen durch die Belle Époque

An seinen Romanen Vom Ende einer Geschichte und Die einzige Geschichte hatte ich in den vergangenen Jahren viel Freude, ohne zu wissen, dass Julian Barnes auch Sachbücher schreibt. Sein neuestes, Der Mann im roten Rock, konnte ich nun lesen, mit großer Hochachtung vor Barnes‘ enormem Quellenstudium sowie seiner Gabe, Mosaiksteine der Geschichte gekonnt zu einem Gesamtbild anzuordnen und unzusammenhängende Fäden scheinbar spielerisch zu verweben. Allerdings ist der Gegenstand des Buches nicht in erster Linie, der französische Chirurg und Frauenarzt Dr. Samuel Jean Pozzi (1846 – 1918), der diese beiden Fachrichtungen in seinem Heimatland revolutionierte, sondern vielmehr die Gesellschaftsschicht, in der er sich bewegte: die „ferne, dekadente, hektische, gewalttätige, narzisstische und neurotische“ Belle Époque zwischen 1870 und 1914. Duelle und Attentate, Tratsch, Klatsch und Gerüchte, sexuelle Orientierungen, Kunst, Literatur, Sammlerleidenschaft, Mäzenaten- und Dandytum, Aufschneiderei und Exzentrik, Freundschaften und Feindschaften, Ehen und Liebschaften und immer wieder Vergleiche zwischen Frankreich und Großbritannien, all das interessiert Julian Barnes ungleich mehr als antiseptische Operationsverfahren oder politische Entwicklungen.

© B. Busch

Wie elegant er allerdings darüber schreibt, ließ mich zunehmend vergessen, dass ich eigentlich mehr über die Meilensteine der Medizingeschichte erfahren wollte, ähnlich wie in der detailreichen Biografie Der Horror der frühen Medizin von Lindsey Fitzharris über Pozzis Zeitgenossen und Vorbild Joseph Lister, die als Medizinhistorikerin völlig andere Interessen bedient.

Panorama einer Epoche
Erstmals begegnete Julian Barnes dem „Mann im roten Rock“ 2015 in der National Portrait Gallery in London auf dem 1881 entstandenen Gemälde Dr. Pozzi at Home von John Singer Sargent, das als Ausschnitt das Cover ziert. Seine Neugier war geweckt. Ausgehend von einer Bildungs- und Einkaufsreise, die Pozzi im Jahr 1885 mit dem Prinzen Edmond de Polignac und dem Grafen Robert de Montesquiou-Fezensac nach London unternahm, katapultiert uns Barnes in das Leben der Pariser High Society. Vor allem der Graf, ein mäßig erfolgreicher Romancier, homosexueller Dandy und Exzentriker, nimmt viel Raum ein. Er war Vorbild für mehrere Romanfiguren, darunter die Hauptfigur in Joris-Karl Huysmans‘ Roman Gegen den Strich (der wiederum eine Rolle in Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray und beim Prozess gegen ihn spielte), und im Werk von Marcel Proust. Aber auch die Brüder Goncourt, die Familie Proust, Paul Hervieu, Lucien Daudet, Sarah Bernhardt, Guy de Maupassant, Jean Lorrain, Claude Monet, Alexandre Dumas d. J. und viele, viele andere tauchen als Freunde, Feinde, Patienten oder Geliebte Pozzis auf. Von allen gibt es Abbildungen, häufig Schokoladenbildchen der Firma Potin, in diesem opulenten, auf hochwertigem Papier gedruckten und doch überraschend preiswerten Band.

Ein Tausendsassa
Samuel Pozzi, Nachfahre italienischer Protestanten aus der Dordogne und mit einer englischen Stiefmutter zweisprachig aufgewachsen, war Begründer der französischen Gynäkologie, erster Lehrstuhlinhaber, Lehrbuchautor, Kosmopolit, Modearzt und für medizinische Neuerungen aus aller Welt aufgeschlossen, aber auch Kunstsammler, Senator, Dreyfusien und Salonlöwe. Er setzte sich für den medizinischen Fortschritt und für schonende, ganzheitliche Behandlungsformen ein, schreckte aber nicht vor Affären mit Patientinnen zurück. „Pozzi war überall“, wie Barnes wiederholt betont, um dann gelegentlich augenzwinkernd einzuschränken: „Pozzi war doch nicht überall“.

Anders – aber gut
Auch wenn mir zu Beginn falsche Erwartungen und ein zunächst verwirrendes Füllhorn von Akteuren und eher amüsante als wissenswerte Anekdoten den Einstieg erschwerten, so steckten mich doch Barnes‘ Begeisterung, sein Humor, seine (Selbst-)Ironie und sein Spiel mit Wissen und Nichtwissen zunehmend an. Nicht nur, aber auch aufgrund seines Mottos: „Chauvinismus ist eine Erscheinungsform der Ignoranz“ ist der weltoffene Pozzi für den überzeugten Europäer und Brexit-Gegner Barnes „so etwas wie ein Held“.

Julian Barnes: Der Mann im roten Rock. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Kiepenheuer & Witsch 2021
www.kiwi-verlag.de

 

Weitere Rezension zu einem Roman von Julian Barnes auf diesem Blog:

Monika Helfer: Vati

  Die Familiengeschichte geht weiter

In hohem Alter erzählte Tante Kathe der Nichte Monika Helfer die Geschichte ihrer Familie mütterlicherseits mit der Auflage, sie erst nach ihrem Tod für einen Roman zu verwenden. Unter dem Titel Die Bagage war er eines meiner Lese-Highlights 2020. Die bitterarmen Lebensverhältnisse, in denen die Familie Moosburger als verachtete „Bagage“ im hintersten Bregenzerwald lebte, und das Schicksal ihrer Mutter Grete als vermeintliches Kuckuckskind erzählte Monika Helfer äußerst knapp, mit Unschärfen, ohne Dramatisierung oder Pathos und ebenso lebendig wie elegant.

© B. Busch

In ihrem neuen Roman, Vati, steht nun ihr Vater Josef im Mittelpunkt. Man muss den Vorgängerband nicht kennen, da alle notwendigen Informationen kurz zusammengefasst werden, trotzdem macht es mit Vorkenntnissen noch mehr Spaß. Ich habe mich jedenfalls sehr gefreut, so viele „alte Bekannte“ wiederzutreffen.

Anders ist bei diesem neuen Buch das Schöpfen aus eigenen Erinnerungen. Darüber hinaus hat Monika Helfer ihre Stiefmutter befragt – und auf deren Wunsch bis nach ihrem Tod mit dem Schreiben gewartet – und eigene Erinnerungen mit denen ihrer beiden Schwestern verglichen.

Auf und ab
Die Lebensumstände ihres Vaters als unehelich geborener Sohn einer Magd im Lungau waren ähnlich prekär wie die der Mutter. Allerdings nahm sich ein Pfarrer des begabten Jungen an und sorgte dafür, dass er in Salzburg Aufnahme ins Gymnasium und Schülerwohnheim fand. Schon damals fiel seine ungewöhnliche Liebe zu Büchern auf, die ihn ein Leben lang begleitete.

Ein halbes Jahr vor der Matura erhielt er die Einberufung und verlor in Russland ein halbes Bein und viele Hoffnungen. Weder über seine Kindheit noch über den Krieg sprach der Vater, eher schon, wie er im Lazarett die Mutter kennenlernte. Völlig mittellos lebten die beiden zunächst bei der „Bagage“.

Ab 1955 leitete der Vater das Kriegsversehrtenheim auf der Tschengla, rückblickend ein Paradies für die 1947 geborene zweite Tochter Monika Helfer. Fast wäre ihm seine rücksichtslose Büchersucht dort zum Verhängnis geworden. Als das Unglück abgewendet war, starb die zeitlebens zurückgezogene, den Alltagsanforderungen nicht gewachsene Mutter und Monika Helfer kam mit ihrer älteren Schwester Gretel und der jüngeren Schwester Renate zur Tante Kathe:

Ohne Mutti ist ohne Würde. Sie konnte nicht kochen, aber sie war unsere Würde. Natürlich wusste ich damals nicht, was dieses Wort bedeutete, aber heute weiß ich es. Alle wissen: Die Gretel und ich sind noch dazu nur untergestellt bei den Armen, wir sind sogar noch ärmer als die Armen, die Ärmsten der Armen sind unsere Wohltäter. (S. 109)

Wenn die Not am größten ist, greift die „Bagage“ ohne viele Worte ein:

Tante Kathe sagte: „Es geht niemand verloren.“ Diesen Satz habe ich später sehr oft von ihr gehört. (S. 111)

Zuletzt vermitteln sie dem Vater sogar eine neue Frau und eine Stelle. Die vier Kinder bekommen wieder ein Zuhause:

Das waren trotz allem schöne Abende. Das Paradies waren sie nicht, das war oben, 1220 Meter über dem Meer, für uns nicht mehr erreichbar. (S. 117)

Große Literatur auf nur 172 Seiten
Es ist bei weitem nicht nur die anrührende Lebensgeschichte des Vaters, die Monika Helfer „mehr wahr als unwahr“ (S. 9) in puzzleartigen Versatzstücken erzählt. Es ist ihre eigene Geschichte bis zur Gegenwart und eine Reflexion über das Schreiben und Erinnern, letzteres am greifbarsten in der Übergangsphase zwischen Wachsein und Schlaf. Vor allem aber ist es wieder ein großes Stück Literatur.

Monika Helfer: Vati. Carl Hanser 2021
www.hanser-literaturverlage.de

 

Weitere Rezension zu einem biografischen Roman von Monika Helfer auf diesem Blog:

Tove Ditlevsen: Kindheit

  Der Zwang zu schreiben

Die dänische Schriftstellerin Tove Ditlevsen (1917 – 1976) ist hierzulande leider bisher viel weniger bekannt als in ihrem Heimatland. Nach ihrem Selbstmord trauerten Tausende vor allem Däninnen an ihrem Sarg, während nur wenige ihrer Bücher überhaupt je ins Deutsche übersetzt worden waren. Von der Kopenhagen-Trilogie, die der Aufbau Verlag in sehr ansprechender Aufmachung  im Januar und Februar 2021 auf den Markt bringt, gab es nur den dritten Teil, der nun unter dem Titel Abhängigkeit neu übersetzt wurde. Die beiden ersten Bände, Kindheit und Jugend, erscheinen dagegen erstmals auf Deutsch.

© B. Busch

Schreiben als Therapie
Gerade einmal 115 Seiten umfasst Kindheit, den ich fast ohne Unterbrechung lesen musste, so stark ist der Sog dieser aus kindlicher Perspektive, ohne erläuternde Zusätze, erzählten Erinnerungen. Tove Ditlevsen schrieb die beiden ersten Teile, die 1967 erstmals erschienen, während eines Aufenthalts in einer Entzugsklinik auf ihrer Schreibmaschine. Kindheit reicht von den frühesten Erinnerungsschnipseln bis zum Alter von 14 Jahren, als die begabte Schülerin die Schule beenden und eine Stelle als Hausmädchen antreten muss.

Schutzhülle aus Wörtern
Dazwischen liegen prekäre Jahre in einer Hinterhaus-Zweizimmerwohnung im Kopenhagener Arbeiterstadtteil Vesterbro, ohne Rückzugsmöglichkeit und ohne die Möglichkeit, das wertvolle Poesiealbum mit den ersten eigenen Gedichten vor den Augen des spottenden Bruders zu verbergen. Die Liebe zur Literatur stammt vom Vater, Sozialist, Gewerkschafter und während der Weltwirtschaftskrise arbeitslos gewordener Heizer, der ihr Grimms Märchen schenkt, jedoch Gedichte als Schwärmerei verachtet und ihr als Mädchen jede Möglichkeit einer Zukunft als Dichterin abspricht. Dabei sind Wörter schon früh ihre Mauer gegen die unberechenbare, distanzierte Mutter:

Ich trug die Tassen in die Küche, und in meinem Inneren krochen lange, merkwürdige Wörter hervor und legten sich wie eine Schutzhülle über meine Seele. Ein Lied, ein Gedicht, etwas Linderndes, Rhythmisches und unendlich Melancholisches, das jedoch nie so leidvoll und traurig war, wie es der Rest meines Tages unweigerlich sein würde. Wenn mich diese hellen Wogen von Wörtern durchströmten, wusste ich, dass meine Mutter mir nichts mehr anhaben könnte, denn in diesem Moment hörte sie auf, für mich von Bedeutung zu sein. (S. 8)

Schreiben gegen Trauer und Sehnsucht
Während einer Kindheit, die nicht zu ihr passt, die „lang und schmal wie ein Sarg [ist], aus dem man sich nicht allein befreien kann“ (S. 31), die „winselt wie ein kleines Tier, das man in einen Keller eingesperrt und vergessen hat“ (S. 34) und die an ihrem Ende „dünn und platt wie Papier“ (S. 73) wird, werden ihr die Liebe zur Literatur und der Glaube an das eigene Talent zum Rettungsanker:

Doch selbst wenn sich niemand sonst für meine Gedichte interessiert, bin ich gezwungen, sie zu schreiben, denn sie dämpfen die Trauer und Sehnsucht in meinem Herzen. (S. 107)

Und doch ein Roman
Tove Ditlevsen hat für ihr Schreiben immer aus dem Vorrat eigener Erinnerungen geschöpft. Indem sie das Geburtsdatum ihrer Ich-Erzählerin jedoch um exakt ein Jahr nach hinten verlegte, macht sie deutlich, dass es sich trotz allem um einen – wenngleich autofiktionalen – Roman handelt.

Was für eine lohnende Entdeckung eines über 50 Jahre alten modernen Klassikers, dessen klare, ebenso anrührende wie unsentimentale Erzählweise mit den treffsicheren Bildern mich sogleich gepackt hat. Ein Glück, dass wir nicht lange auf die Folgebände warten müssen!

Tove Ditlevsen: Kindheit. Aus dem Dänischen und mit einem Nachwort von Ursel Allenstein. Aufbau 2021
www.aufbau-verlag.de

Elena Ferrante: Das lügenhafte Leben der Erwachsenen

  Oben und unten

Nach dem Welterfolg ihrer Neapolitanischen Saga in Form einer Tetralogie ist Das lügenhafte Leben der Erwachsenen der erste neue Roman der immer noch geheimnisumwitterten italienischen Autorin Elena Ferrante. Zwischendurch veröffentlichte der Suhrkamp Verlag ihre älteren Romane, die mir unterschiedlich gut gefielen. Auch das neue Buch reicht in meinen Augen nicht ganz an die Tetralogie heran, doch ist Ferrantes knapper, kompromissloser und lakonischer Stil unverkennbar. Parallelen gibt es bei der erneut weiblichen Ich-Perspektive, der Erzählweise aus der Rückschau, dem Thema Bildung als Mittel zum gesellschaftlichen Aufstieg und vor allem Neapel als Handlungsort. Allerdings spielt der neue Roman in den 1990er-Jahren und nur während der kurzen Zeitspanne von drei Jahren. Im Zentrum steht ein jugendliches Innenleben, es fehlt der historisch-politische Kontext, der die Tetralogie besonders auszeichnete.

Ende der Gewissheit
Mit knapp 13 hadert Giovanna mit ihrer beginnenden Pubertät und den damit verbundenen körperlichen Veränderungen: 

Mein einziger Trost in dieser Zeit, meine einzige Gewissheit, war, dass mein Vater absolut alles an mir liebte. (S. 13)

 Eine zufällig belauschte Bemerkung lässt jedoch ihre Welt zusammenbrechen: 

Zwei Jahre bevor mein Vater von zu Hause wegging, sagte er zu meiner Mutter, ich sei sehr hässlich. Der Satz wurde leise gesprochen, in der Wohnung, die sich meine Eltern, frisch verheiratet, im Rione Alto, oben in San Giacomo dei Capri, gekauft hatten. (S. 9)

Dabei waren die Worte des Vaters eigentlich andere. Doch seine Aussage, sie gleiche nun immer mehr seiner älteren Schwester Vittoria, musste Giovanna so interpretieren, denn Vittoria ist sein verhasstes Schreckgespenst. Sie, die Putzfrau, hat es nie aus dem Viertel der Unterprivilegierten herausgeschaffte. Giovannas Eltern dagegen arbeiteten sich durch Bildung nach oben, wohnen in gehobener Lage, sind Gymnasiallehrer und der Vater obendrein ein angesehener Intellektueller.

Zwei Welten
Giovannas Neugier ist geweckt und damit ihr Wunsch, die geheimnisvolle Tante zu treffen. Fortan lernt sie ein neues Neapel kennen und bewegt sich in zwei gänzlich unterschiedlichen Welten Neapels: der höher gelegenen, bürgerlich-geordneten, von Klassendünkel geprägten des Rione Alto mit den links-intellektuellen Ansichten ihrer Eltern und deren Freunde und der unten liegenden, schmutzig-chaotischen, vulgären der Zona Industriale mit ihren unverblümt und im derben Dialekt redenden Bewohnerinnen und Bewohnern. Vittoria mit ihrer eigenen Version der Familiengeschichte bleibt nicht ihre einzige Bekanntschaft dort. Schnell lernt Giovanna, was sie bisher nicht konnte: lügen und heucheln wie die Erwachsenen. Zuerst ist es die Mutter, deren Verhalten Giovanna nicht zu deuten vermag, dann verlässt der Vater wegen einer langjährigen Geliebten die Familie. Weil die Erwachsenen mit sich selbst beschäftigt sind, muss Giovanna sich alleine zurechtfinden. Als scharfsinnige Beobachterin beider Welten zieht sie Schlüsse aus deren Verhalten, erkennt Scheitern und Verrat, in dessen Mittelpunkt immer wieder ein Armband steht. Ein neu entstehender Kompass hilft ihr, die Fehler der Erwachsenen zu vermeiden. Ihr Weg aus den Selbstzweifeln in die Emanzipation soll selbstbestimmt sein:

Ich habe es satt, den Worten anderer ausgesetzt zu sein. Ich muss wissen, wer ich wirklich bin und was für ein Mensch ich werden kann […]. (S. 377)

Ungewisse Zukunft
Möglich, dass auch dieser Roman fortgesetzt wird, denn am Ende bricht die 16-jährige Giovanna in eine ungewisse Zukunft nach Venedig auf. Ich wäre gespannt, zu erfahren, wie es weitergeht!

Elena Ferrante: Das lügenhafte Leben der Erwachsenen. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp 2020
www.suhrkamp.de

 

Weitere Rezensionen zu Romanen von Elena Ferrante auf diesem Blog:

Alexander Häusser: Noch alle Zeit

  Zusammen ist man weniger allein

Der Zufall führt die beiden sehr unterschiedlichen Protagonisten des Romans 2019 auf einer Fähre von Dänemark nach Oslo zusammen. Der gut 60-jährige Edvard hat nach dem Tod seiner Mutter Hinweise gefunden, dass sein 1967 an seinem zehnten Geburtstag plötzlich verschwundene Vater Oskar Mellmann nicht tot war, wie seine Mutter Helene ihn glauben machte. Die Spur führt nach Norwegen, wo Oskar, wie er gern erzählte, im Zweiten Weltkrieg als Pilot stationiert war. Erschüttert und voller Wut über das Schweigen der Mutter macht sich Edvard, der nichts als sein Dorf hinter dem Elbdeich kennt, auf die Suche nach der Wahrheit.

Die 30-jährige Berlinerin Alva dagegen ist auf der Flucht vor sich selbst und den Erwartungen an sie. Immer „anders“ als alle anderen, wie durch eine „Scheibe“ vom Leben getrennt und nie von ihrer Mutter angenommen, kann sie ihre eigene Mutterrolle nicht ausfüllen. Sie ist auf der Suche nach sich selbst, auch wenn der vordergründige Anlass der Reise Recherchen für eine Fernsehreportage über magische Orte sind:

Mit den magischen Orten käme Ordnung in ihr Leben – Ordnung und Geld […]. Das war es doch, was ihre Mutter immer von ihr wollte: dass sie wie alle anderen sei. (S. 46) 

Edvard wie Alva sehnen sich nach Halt, Angenommensein, Liebe und einem erfüllten Leben.

Vom Dunkeln ins Helle
Zunächst hatte ich Sorge, dass Edvard, dem die Mutter seit dem Verschwinden des Vaters kein eigenes Leben und kaum Luft zum Atmen ließ, der nie die Kraft zur Befreiung aus ihrer Umklammerung aufbrachte, und der seine große Liebe Elsie aus Pflichtbewusstsein seiner Mutter gegenüber verlor, bei Alva in erprobte Muster fallen und zum „Kümmerer“ würde. Doch im Gegenteil finden beide einen Weg, ihre Projekte zu verbinden und sich gegenseitig zu stützen:

Er öffnete die Augen, sie strich ihm übers Haar und begriff, dass man den anderen auch trösten kann, wenn einem selbst genau so kalt war. (S. 214)

Bei Edvard kehren immer mehr verschüttet geglaubte Erinnerungen zurück und vor allem Alva wächst über sich hinaus:

Es durfte keine Rolle spielen, was sie brauchte, wenn sie gebraucht wurde. (S. 249)

Es bedarf nicht immer der ganzen Wahrheit
Die Reise führt durch die fantastische Landschaft Norwegens von Oslo über den Wasserfall Sputrefossen nach Tromsø, mit der Fähre nach Honningsvåg, nach Kirkeporten, dem Felsen des Nordkaps und Opferstätte der Sami, und auf die vor Bergen liegende Insel Herdla, im Zweiten Weltkrieg Stützpunkt der deutschen Luftwaffe. Sie wird für beide zum Wendepunkt, von dem aus sie verändert heimkehren:

Das Leben verändert sich nicht an einem Tag. Doch eines Tages weiß man, dass es sich verändert hat. (S. 216)

Unbedingt lesenswert
Acht Jahre lang hat der 1960 geborene Autor Alexander Häusser an seinem vierten, von eigenen biografischen Ereignissen beeinflussten Roman Noch alle Zeit gearbeitet und dafür spürbar gründlich recherchiert. Historischer Hintergrund und Einzelschicksal sind hervorragend verbunden, die spannende Handlung ruhig und einfühlsam erzählt, die stimmigen Bilder, Metaphern und Motive lohnen ein gründliches Lesen und Wiederlesen. Haupt- und Nebenfiguren sind glaubhaft und mehrdimensional, so dass ich mehrfach vorschnelle Urteile revidieren musste, jedes Schicksal berührt, jedoch völlig ohne Kitsch. Besonders gut gefallen hat mir das Ende mit der perfekten Balance zwischen Auserzählen und Offenlassen.

Alexander Häusser: Noch alle Zeit. Pendragon 2019
www.pendragon.de

 

Weitere Rezensionen zu Romanen über Norwegen im Zweiten Weltkrieg auf diesem Blog:

     

Brian Sewell: Pawlowa oder Wie man eine Eselin um die halbe Welt schmuggelt

  Very british und leicht schräg

Seit wir im Sommer 2020 zwei wundervolle Wochen in einem Ferienhaus  mit dem Namen „Les trois ânes“ im Béarn verbrachten, bin ich bekennende Esel-Liebhaberin. Maximus, Raffa und Milly waren ebenso unterhaltsame wie anschmiegsame und angenehme Nachbarn, dankbar für jedes Grünzeug oder für Streicheleinheiten. Ein Buch über einen ganz besonderen Eselfreund müsste deshalb genau zu mir passen, meinte meine Freundin, und traf mit Pawlowa oder Wie man eine Eselin um die halbe Welt schmuggelt von Brian Sewell voll ins Schwarze.

Maximus, Raffa und Milly. © M. A. Busch
Maximus macht eine Rolle. © M. Busch

 

 

 

 

 

 

Ein verrückter Einfall
Mr B, ein sehr englischer, kleiner und drahtiger Gentleman von 50 Jahren, Spezialist für antike Geschichte mit Schwerpunkt Alexander der Große, Liebhaber von Büchern und Teppichen, erblickt bei Dreharbeiten im chaotischen Stoßverkehr von Peschawar ein viel zu schwer beladenes, verängstigtes Eselsfohlen. Spontan beschließt der Tierfreund zum Entsetzen des Filmteams, mit Pawlowa, wie er das Tier wegen seiner langen Beine in Erinnerung an die russische Ballerina Anna Pawlowa später nennen wird, zu Fuß nach England zurückzukehren:

„Was sollen wir den Leuten sagen, wenn wir wieder in London sind?“ fragte der Regisseur […].
„Die Wahrheit: dass ich eine kleine Eselin gefunden habe und mit ihr zu Fuß nach Hause gehe.“
„Sie sind verrückt“, sagte der Regisseur.
„Mag sein“, sagte Mr. B. „Aber es ist eine anständige Art von Verrücktheit, zu der Sie nicht fähig sind. […]“ (S. 13/14)

© B. Busch

Es wird ein langer, abenteuerlicher Weg, aber Fußmärsche bleiben ihnen weitgehend erspart und sie brauchen nur gut 30 Tage für die gut 4000 Meilen. Überall treffen sie auf verständnisvolle, hilfsbereite und gastfreundliche Menschen, Apotheker, Buchhändler, Teppichverkäufer, Diplomaten, Bus- oder Lieferwagenfahrer, Botschaftschauffeur, Schaffner oder Camper, bis sie schließlich den letzten Teil der Reise im bequemen Rolls Royce des schottischen Antiquars Hector zurücklegen können. Nur einmal droht Gefahr, als sie einem Heroinschmuggler über die pakistanisch-iranische Grenze als Tarnung dienen, aber davon ahnen sie glücklicherweise nichts. Sie schlafen an ungewöhnlichen Orten, genießen die Landesküchen (wobei es „Handkäs mit Musik“ wohl im Rhein-Main-Gebiet, nicht aber in Karlsruhe gibt!), genießen die abwechslungsreiche Natur und die Kulturen ihrer Gastländer.

30 gemeinsame Jahre sind ihnen anschließend noch in Mr Bs Villa in Wimbledon vergönnt, bis sie beide hochbetagt sterben und Mrs B ihre Geschichte zu Papier bringt.

Wiedergutmachung in Buchform
„Mit einem schlechten Gewissen wegen jenes Esels in Peschawar“, wie es in der Widmung des Büchleins zu lesen ist, hat der laut Guardian „berühmteste und umstrittenste“ Kunstkritiker und Kolumnist Großbritanniens und große Tierfreund Brain Sewell (1931 – 2015) diesen kleinen Roman kurz vor seinem Tod verfasst. Es ist die anrührende Geschichte eines Mannes mit großer Tier- und Menschliebe, mit Mut, Selbstlosigkeit, Gottvertrauen und einer gesunden Portion Naivität, charmant-altmodisch und mit viel britischem Humor erzählt. Die wirklich entzückenden, mit einem Augenzwinkern gezeichneten kleinen Schwarz-Weiß-Zeichnungen stammen von der Cartoonistin Sally Ann Lasson. Vermisst habe ich lediglich eine Landkarte, die es nur in der englischen Originalausgabe The White Umbrella gibt, benannt nach Mr Bs wichtigstem Utensil.

Wen dieses zauberhafte Büchlein nicht anrührt, hat kein Herz für Tiere und Sonderlinge und hatte sicher noch nie einen Esel als Nachbarn.

Brian Sewell: Pawlowa oder Wie man eine Eselin um die halbe Welt schmuggelt. Aus dem Englischen von Claudia Feldmann. Insel 2017
www.suhrkamp.de

Stephen Crane: Die rote Tapferkeitsmedaille

  Perspektivwechsel

Stephen Crane (1871 – 1900), früh an Tuberkulose verstorbener Sohn eines Methodistenpredigers und keinem Skandal abgeneigt, erlangte in Deutschland nie gleiche Bekanntheit wie im angelsächsischen Raum. Dabei wurde sein bekanntestes Werk aus dem Jahr 1895, das bis heute Pflichtlektüre in US-Schulen und -Universitäten ist, The Red Badge of Courage, mehrfach unter verschiedenen Titeln ins Deutsche übersetzt. Er beeinflusste Erich Maria Remarque und Ernest Hemingway wie H. G. Wells waren von seiner großen Bedeutung überzeugt.

Pulverdampf und Kanonendonner
Während des amerikanischen Bürgerkrieg meldet sich der einzelgängerische Schüler und Bauernsohn Henry Fleming freiwillig zur Unionistenarmee und kommt zum 304. Regiment. Die Geduld der „Frischlinge“ wird auf eine harte Probe gestellt, im Lager herrscht Monotonie und Henry versinkt in Grübeleien:

Wusste er wirklich mit hundertprozentiger Sicherheit, dass er im Zweifelsfall nicht türmen würde? (S. 21)

Er schwankt zwischen Extremen, ist zerrissen zwischen Stolz, Zweifeln, Verzweiflung, Euphorie, Wut auf die Vorgesetzten, Weltschmerz, Heimweh, Neugier und Sehnsucht:

Der Krieg, hatte der Junge einmal gelernt, mache aus jedermann einen echten Mann. Er hatte darin immer seine Rettung gesehen und all seine Hoffnungen auf die entscheidende Schlacht gesetzt. (S. 49)

Doch kaum kommt es zur Feindberührung, ergreift Henry panisch die Flucht. Seine Verwundung, die „rote Medaille der Tapferkeit“, zieht er sich ironischerweise bei der Auseinandersetzung mit einem anderen Flüchtenden zu. Zwar bleiben ihm Strafe und Hohn erspart, doch leidet sein Selbstbewusstsein:

Die moralische Rechtfertigung lag dem Jungen sehr am Herzen. Ein Freispruch musste her, weil er sonst nicht in der Lage sein würde, mit der abstoßenden Medaille der Feigheit durchs Leben zu gehen. Da ihn sein Herz immer wieder der Feigheit beschuldigte, mussten wohl oder übel seine Taten das Gegenteil beweisen. (S. 119/120)

Scham und die erlauschte Verachtung der Vorgesetzten für seinen Truppenteil werden für Henry zum Wendepunkt.

Ein Blick aus der Distanz
Erst der nachgestellten Erzählung Der Veteran kann man das Geschehen historisch verorten. Dies genauso wie ihr Ausgang sind für Stephen Crane nicht von Bedeutung, liegt sein Fokus doch ausschließlich auf den Befindlichkeiten des nicht immer sympathischen personalen Erzählers. Der macht im Alter keinen Hehl mehr aus seiner anfänglichen Flucht und erschüttert damit nachhaltig den Heldenglauben seines Enkels.

© B. Busch

„Roman plus“
Die Neuübersetzung von Stephen Cranes bekanntestem Roman durch Bernd Gockel unter dem Titel Die rote Tapferkeitsmedaille im Pendragon Verlag wird hervorragend ergänzt durch die Erzählung Der Veteran sowie ein kurzes interpretierendes Nachwort von Thomas F. Schneider und ein 68 Seiten umfassendes Porträt Cranes von Rüdiger Barth. Diese Beigaben waren äußerst hilfreich für mich, denn den metaphern-, farb- und teilweise pathosgesättigten Klassiker, der nahezu komplett auf dem Schlachtfeld spielt, las ich dadurch zwar nicht mit Genuss, aber doch mit spürbarem Gewinn. Erst mit Hilfe dieser Ergänzungen verstand ich das revolutionär Neue am Schreiben Cranes, der bis dato weder den amerikanischen Bürgerkrieg noch eine andere Schlacht je erlebt hatte: die konsequente Darstellung des Krieges aus der Sicht eines einfachen Rekruten, Achterbahnfahrt der Gefühle anstatt Kriegstaktik, aber leider keine grundsätzliche Infragestellung von Kriegen.

Stephen Crane: Die rote Tapferkeitsmedaille. Übersetzt von Bernd Gockel mit einem Nachwort von Thomas Schneider und einem Crane-Porträt von Rüdiger Barth. Pendragon 2019
www.pendragon.de

 

Rezension zu einem biografischen Roman mit Stephen Crane auf diesem Blog:

Andreas Kollender: Mr. Crane

  Zwei Wochen in Badenweiler

Was äußerlich zunächst einen Künstlerroman oder eine Biografie über den in Deutschland bisher wenig bekannten US-amerikanischen Journalisten, Kriegsberichterstatter und Autor Stephen Crane (1871 – 1900) vermuten lässt, entpuppt sich bei der Lektüre als virtuos komponierter Roman, in dessen Mittelpunkt eine junge Krankenschwester steht. Trotzdem sind Titel und Foto gut gewählt, denn Mr. Crane verändert auf denkbar intensive Weise das Leben von Elisabeth T. Camphausen, zunächst bei seinem achttägigen Aufenthalt als schwerkranker Tuberkulosepatient im Sanatorium „Villa Eberhard“ in Badenweiler im Schwarzwald und 14 Jahre später indirekt erneut, als der junge Leutnant Bernhard Fischer ebenfalls acht Tage dort verbringt.

28. Mai bis 4. Juni 1900
Bei Cranes Ankunft wird die 25-jährige Elisabeth ihm wegen ihrer Englischkenntnisse als Pflegerin zugeteilt. Sie kennt seine Bücher, sein wichtigstes Werk The Red Badge of Courage, über den Amerikanischen Bürgerkrieg aus der Sicht eines einfachen Soldaten, aber vor allem The Monster über einen Mann, dessen Gesicht durch ein Feuer entstellt wurde, genau wie ihres. Weder ihre Eltern, noch ihr Mann oder ihre Kollegen haben ihre vernarbte linke Gesichtshälfte je thematisiert oder berührt. Anders Crane:

„Es gibt viele gesichtslose Menschen, Schwester Elisabeth“ röchelt er. „Aber Sie, ich bitte Sie, Ihre Narben sind doch gar nicht so schlimm. Sie sind schön, Schwester.“ (S. 92)

Crane, von Todesängsten gepeinigt, erzählt Elisabeth im Fieberwahn Bruchstücke seiner Biografie und hört ihr zu. Sofort fühlt sie sich von dem nur wenig älteren, unsteten und weitgereisten Schriftsteller magisch angezogen und verfällt ihm. Für die temperamentvolle, im Herzen rebellische Frau ist er nicht nur „meine erste wirkliche Liebe“ (S. 192), sondern Symbol eines freieren Lebens.

25.September bis 2. Oktober 1914
14 Jahre später belegt der erste Kriegsverwundete, Bernhard Fischer, Cranes ehemaliges Zimmer. Er spricht nicht, hat jedoch ein Buch Cranes im Gepäck. Schlagartig wird Elisabeth ins Jahr 1900 zurückkatapultiert. „Ihren“ Mr. Crane konnte sie damals nicht retten, kann sie nun Fischer vor einer Rückkehr an die Front bewahren? Und ihrem Leben eine neue Richtung geben?

Als Mr. Crane verschwand, war der Zeitpunkt gekommen, an dem auch sie hätte gehen müssen. Aber Elisabeth rettete sich in die Villa. In die Ehe zu einem Mann, der kein Wort über ihre Narben sagte und sehr, sehr freundlich war. Sie suchte Zuflucht in der Enge des Kaiserreiches und ihrer Privilegiertheit als Arzttochter und der gleichzeitigen Chancenlosigkeit als Frau. (S. 97)

© B. Busch

Äußerst geschickt vernetzte Geschichten
Andreas Kollender
verknüpft in seinem Roman zwei abwechselnd erzählte, fiktive Geschehnisse meisterhaft mit unscharfen biografischen Mosaiksteinen Cranes. Die Figuren sind lebendig, vieldimensional und voller Widersprüche, so dass ich beständig zwischen Sympathie und Abstoßung, Mitleid und Unverständnis schwankte und immer wieder überrascht wurde. Die Details der obsessiven Beziehung zwischen Elisabeth und Crane sind sicher Geschmacksache und sprachen mich wenig an. Auch über die körperlichen Höhenflüge Cranes und die Sorglosigkeit einer Krankenschwester angesichts eines infektiösen Patienten war ich verwundert, aber dies alles zeigt doch den überbordenden Lebenshunger der Protagonisten.

Die sehr anregende Lektüre lohnte in jedem Fall: als erste Begegnung mit dem mir bislang unbekannten amerikanischen Schriftsteller, Porträt einer unangepassten jungen Frau, Plädoyer gegen Kriegsgräuel und Ansporn zum Widerstand vermeintlich Machtloser. Nun bin ich gespannt auf die Neuübersetzung von Stephen Cranes erfolgreichstem Roman Die rote Tapferkeitsmedaille in ebenso hochwertiger Aufmachung und gleichfalls aus dem Pendragon Verlag, der zur Lektüre bereitliegt.

Andreas Kollender: Mr. Crane. Pendragon 2020
www.pendragon.de

Meine Lese-Highlights 2020

Es geht uns mit Büchern wie mit den Menschen. Wir machen zwar viele Bekanntschaften, aber nur wenige erwählen wir zu unseren Freunden. (Ludwig Feuerbach)

© B. Busch

Meine liebsten Bücher 2020 sind nicht alle in diesem Jahr erschienen, sie haben mich aber im Laufe des Jahres am nachhaltigsten beschäftigt und sind zu Freunden geworden. Mein Kriterium ist dabei weder, dass die Bücher sich bereits über lange Zeit als Klassiker bewährt haben, noch die Überzeugung, dass sie auch in hundert Jahren noch gelesen werden. Es ist eine subjektive Auswahl von Titeln, die für mich im genau richtigen Augenblick kamen.

Von links oben nach rechts unten:

Paul Maar: Wie alles kam. S. Fischer 2020
Thomas Hettche: Herzfaden. Kiepenheuer & Witsch 2020
Michael Crummey: Die Unschuldigen. Eichborn 2020
Isabelle Autissier: Klara vergessen. Mare 2020
Anne von Canal: Mein Gotland. mare 2020
Vicki Baum: Vor Rehen wird gewarnt. Arche 2020
Monika Helfer: Die Bagage. Hanser 2020
Tarjei Vesaas: Das Eis-Schloss. Guggolz 2019
Amanda Sthers: Lettre d’amour sans le dire. Grasset 2020
Charles Lewinsky: Der Halbbart. Diogenes 2020
Jens Rassmus: Juhu, LetzteR. G&G Nilpferd 2020
Sorj Chalandon: Am Tag davor. dtv 2019

Christoph Nußbaumeder: Die Unverhofften

  Familiensaga aus dem Bayerischen Wald

Ein Verbrechen und eine Lüge stehen im Mittelpunkt von Christoph Nußbaumeders 670 Seiten umfassendem Debütroman Die Unverhofften, der auf seinem 2010 in Bochum uraufgeführten Drama Eisenstein basiert. 120 Jahre – von 1899 bis 2019 – folgt er dem Schicksal zweier Familien und zeichnet persönliche Schicksale vor dem Hintergrund großer politischer und wirtschaftlicher Umbrüche.

Geografisches Zentrum der Geschichte ist die real existierende niederbayerische Gemeinde Eisenstein am Großen Arber nahe der deutsch-tschechischen Grenze. Wer nicht sein Leben lang hier bleibt, kehrt doch meist spätestens zu seinem Begräbnis zurück.

Das Verbrechen…
1899 ereignet sich in Eisenstein ein Verbrechen, das vier Generationen der Familien Hufnagel und Schatzschneider prägen wird: der „Glasfürst“ Siegmund Hufnagel, Erbe der Glasherrendynastie, vergewaltigt das Stubenmädchen Maria kurz vor ihrer geplanten Auswanderung nach Amerika. Voller Rachgier und Hass auf den Fabrikanten und die verräterischen Dörfler legt die junge Frau am 26.08.1900 das Glasimperium in Schutt und Asche und flieht. Doch anstatt zum Untergang wird die Brandstiftung für die Hufnagels zum Grundstein noch viel größeren Reichtums, denn mit der Versicherungssumme wird die sterbende Glasfabrikation durch ein zukunftsträchtiges Sägewerk ersetzt. Die Glasdynastie wird zur Holzdynastie.

… und die Lüge
1945 kommt die junge Erna Schatzschneider, Tochter Marias und Kriegsflüchtling aus Böhmen, nach Eisenstein. Aus Not schiebt sie ihren im Februar 1946 geborenen Sohn Georg dem amtierenden Chef der Holzfabrik, Josef Hufnagel, unter, was für Georg und Josefs nur zehn Wochen später geborene eheliche Tochter Gerlinde zum lebenslangen Verhängnis wird. Ernas Schweigen und Josefs Unwissenheit stellen die Weichen nicht nur für Georgs und Gerlindes Leben, sie sind Katalysator für berufliche Karriere und märchenhaften Aufstieg ebenso wie für wirtschaftlichen Abstieg, scheiternde Partnerschaften, gestörte Eltern-Kind-Beziehungen und Vereinsamung.

So viele Themen
Christoph Nußbaumeder verfolgt akribisch die Lebenswege unzähliger Figuren und verknüpft sie so konsequent, dass am Ende kein Faden lose bleibt. Allerdings sind nicht wenige Wendungen vorhersehbar und die Dramatik wird unnötigerweise durch einsetzende Gewitter oder klingelnde Telefone gesteigert. Wegen des fast durchgängig chronologischen Aufbaus in sieben Büchern („1899 bis 1900“, „1945 bis 1949“, 1964 bis 1966“, 1973 bis 1975“, „1982 bis 1984“, 1990 bis 1994“ und „2009, 2019, 1900“) – lediglich die letzten Seiten blicken noch einmal zurück auf Marias Leben nach ihrer Flucht – folgt man der Handlung fast zu leicht. Geschickt sind die Schicksale in die gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Meilensteine der deutschen Geschichte verwoben, seien es die Anfänge der Gewerkschaften, nationalsozialistische Verbrechen, Vertriebenentragödie, Aufarbeitung der Nazidiktatur, Wiederaufbau, Rassismus, Studentenbewegung oder Terrorismus bis zu den Veränderungen in der Wirtschaft hin vom persönlichen Unternehmertum zum gesichtslosen Investorentum, Globalisierung und Hartz IV.

Hören und sehen
Das leicht gekürzte Hörbuch mit angenehm kurzen Tracks und einer Laufzeit von 1239 Minuten, gelesen von einem souveränen Thomas Loibl und einer etwas zu pathetisch klingenden, in wütenden Szenen brilliernden Wiebke Puls, ist unterhaltsam und leicht zu erfassen. Zwischendurch habe ich mit der Vorhersehbarkeit, Zufällen und schwer nachvollziehbaren charakterlichen Kehrtwendungen gehadert, manchmal gar gefürchtet, dass der Schmöker zur Schmonzette wird, und hätte mir mehr bayerische Urigkeit gewünscht. Aber als die Geschichte am Ende zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehrte, konnte ich darüber hinwegsehen, denn im älteren Teil bis in die 1960er-Jahre liegt für mich die Stärke des Romans.

Durch die beim Zuhören entstehenden Bilder erschien mir der Roman wie das Drehbuch zu einem Film. Ich wäre deshalb nicht erstaunt, wenn Die Unverhofften bald im Kino oder Fernsehen zu sehen wären.

Christoph Nußbaumeder: Die Unverhofften. Gelesen von Thomas Loibl und Wiebke Puls. Der Hörverlag 2020
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