Raffaella Romagnolo: Dieses ganze Leben

  Das Ende des Schweigens

Der Roman Bella Ciao von Raffaella Romagnolo über zwei mutige Frauen und ihre Familien während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehörte 2019 zu meinen Lieblingsbüchern. Nun hat der Verlag Diogenes nachträglich einen Titel der Autorin aus dem Jahr 2013 veröffentlicht. Obwohl wieder aus weiblicher Perspektive erzählt wird und vorwiegend Frauen im Mittelpunkt stehen, ist er thematisch wie stilistisch vollkommen anders. Dieses ganze Leben spielt in der Gegenwart und umfasst nur drei Monate, in denen das Leben der 16-jährigen Ich-Erzählerin Paola di Giorgi und ihrer Familie komplett auf den Kopf gestellt wird:

Irgendwann in den nächsten Tagen, denke ich, werden wir uns […] darüber austauschen, wie es sich anfühlt, wenn man erkennt, dass das, was man hat, was man ist oder zu sein glaubte, auf einer Lüge beruht. (S. 229)

Probleme überall
Obwohl finanziell auf der Sonnenseite des Lebens geboren, empfindet Paola ihr Leben als Katastrophe. Einerseits sind es die üblichen Teenagerprobleme, Übergewicht, krumme Beine ein „Pferdegesicht“, Außenseitertum und Mobbing in der Schule. Andererseits findet sie auch in ihrer Familie, in der das Schweigen Programm ist, kaum Halt: Die „titelblattreife“ Mutter kann weder mit Poalas Körpermaßen noch und mit der Behinderung des Sohnes umgehen, die Großmutter leidet auch nach über 50 Jahren noch unter einer verpassten Jugendliebe und der Vater ist mehr in seiner Baufirma als zuhause. Was für die Mutter Bromazepam und für die Großmutter ihre Mastercard ist, sind für Paola Bücher und Filme, die imaginäre Freundin Carmen und die enge Beziehung zu ihrem drei Jahre jüngeren Bruder Richi. Bei den zur Verbrennung überschüssiger Kalorien angeordneten täglichen Spaziergängen mit ihm im Rollstuhl überqueren die Geschwister die Grenze zwischen ihrem Luxus-Viertel und der von der familieneigenen Baufirma errichteten, von der Mutter panisch gemiedenen, sozial schwächeren Margeriten-Siedlung. Dort lernt Paola den zwei Jahre älteren Antonio kennen, der sie aufrichtig zu mögen scheint. Doch fehlendes Selbstwertgefühl und tief verwurzeltes Misstrauen taugen nicht als Basis für Freundschaft und Liebe, und um diese Hindernisse aus dem Weg zu räumen, braucht es ein gewaltiges innerfamiliäres Beben.

Eine starke Erzählstimme
Die Besonderheit dieses Romans liegt für mich im radikalen, kompromisslosen und lakonischen Erzählstil der jugendlichen Protagonistin. Alterstypisch gibt es für Paola nur hopp oder top, sie schweift gern ab und obwohl sie ihre Ehrlichkeit beteuert, ist ihr Bericht gefärbt – von pechschwarz zu Beginn bis später fast rosarot. Gut gefallen hat mir die spürbare Entwicklung Paolas, die mit abnehmender Wut die Menschen ihrer Umgebung milder und differenzierter betrachten lernt. Obwohl ihre Einlassungen zur Literatur nicht immer altersgemäß wirken, ist die Perspektive insgesamt gelungen. Nicht unbedingt gebraucht hätte es die Thriller-Elemente auf den letzten Seiten, dagegen gefällt mir, dass nicht alles auserzählt wird.

Ein bunter Themenstrauß
Auch wenn der 265-Seiten-Roman aufgrund der großen Themenvielfalt – Pubertät, Eltern-Kind-Beziehung, dysfunktionale Familienstruktur, Patriarchat, Essstörung, Außenseitertum, Mobbing, Umgang mit Behinderung und Umwelt- und Sozialpolitik, um nur die wichtigsten zu nennen, – notgedrungen vieles verkürzt, empfehle ich ihn gern.

Raffaella Romagnolo: Dieses ganze Leben. Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Diogenes 2020
www.diogenes.ch

 

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