Elena Ferrante: Das lügenhafte Leben der Erwachsenen

  Oben und unten

Nach dem Welterfolg ihrer Neapolitanischen Saga in Form einer Tetralogie ist Das lügenhafte Leben der Erwachsenen der erste neue Roman der immer noch geheimnisumwitterten italienischen Autorin Elena Ferrante. Zwischendurch veröffentlichte der Suhrkamp Verlag ihre älteren Romane, die mir unterschiedlich gut gefielen. Auch das neue Buch reicht in meinen Augen nicht ganz an die Tetralogie heran, doch ist Ferrantes knapper, kompromissloser und lakonischer Stil unverkennbar. Parallelen gibt es bei der erneut weiblichen Ich-Perspektive, der Erzählweise aus der Rückschau, dem Thema Bildung als Mittel zum gesellschaftlichen Aufstieg und vor allem Neapel als Handlungsort. Allerdings spielt der neue Roman in den 1990er-Jahren und nur während der kurzen Zeitspanne von drei Jahren. Im Zentrum steht ein jugendliches Innenleben, es fehlt der historisch-politische Kontext, der die Tetralogie besonders auszeichnete.

Ende der Gewissheit
Mit knapp 13 hadert Giovanna mit ihrer beginnenden Pubertät und den damit verbundenen körperlichen Veränderungen: 

Mein einziger Trost in dieser Zeit, meine einzige Gewissheit, war, dass mein Vater absolut alles an mir liebte. (S. 13)

 Eine zufällig belauschte Bemerkung lässt jedoch ihre Welt zusammenbrechen: 

Zwei Jahre bevor mein Vater von zu Hause wegging, sagte er zu meiner Mutter, ich sei sehr hässlich. Der Satz wurde leise gesprochen, in der Wohnung, die sich meine Eltern, frisch verheiratet, im Rione Alto, oben in San Giacomo dei Capri, gekauft hatten. (S. 9)

Dabei waren die Worte des Vaters eigentlich andere. Doch seine Aussage, sie gleiche nun immer mehr seiner älteren Schwester Vittoria, musste Giovanna so interpretieren, denn Vittoria ist sein verhasstes Schreckgespenst. Sie, die Putzfrau, hat es nie aus dem Viertel der Unterprivilegierten herausgeschaffte. Giovannas Eltern dagegen arbeiteten sich durch Bildung nach oben, wohnen in gehobener Lage, sind Gymnasiallehrer und der Vater obendrein ein angesehener Intellektueller.

Zwei Welten
Giovannas Neugier ist geweckt und damit ihr Wunsch, die geheimnisvolle Tante zu treffen. Fortan lernt sie ein neues Neapel kennen und bewegt sich in zwei gänzlich unterschiedlichen Welten Neapels: der höher gelegenen, bürgerlich-geordneten, von Klassendünkel geprägten des Rione Alto mit den links-intellektuellen Ansichten ihrer Eltern und deren Freunde und der unten liegenden, schmutzig-chaotischen, vulgären der Zona Industriale mit ihren unverblümt und im derben Dialekt redenden Bewohnerinnen und Bewohnern. Vittoria mit ihrer eigenen Version der Familiengeschichte bleibt nicht ihre einzige Bekanntschaft dort. Schnell lernt Giovanna, was sie bisher nicht konnte: lügen und heucheln wie die Erwachsenen. Zuerst ist es die Mutter, deren Verhalten Giovanna nicht zu deuten vermag, dann verlässt der Vater wegen einer langjährigen Geliebten die Familie. Weil die Erwachsenen mit sich selbst beschäftigt sind, muss Giovanna sich alleine zurechtfinden. Als scharfsinnige Beobachterin beider Welten zieht sie Schlüsse aus deren Verhalten, erkennt Scheitern und Verrat, in dessen Mittelpunkt immer wieder ein Armband steht. Ein neu entstehender Kompass hilft ihr, die Fehler der Erwachsenen zu vermeiden. Ihr Weg aus den Selbstzweifeln in die Emanzipation soll selbstbestimmt sein:

Ich habe es satt, den Worten anderer ausgesetzt zu sein. Ich muss wissen, wer ich wirklich bin und was für ein Mensch ich werden kann […]. (S. 377)

Ungewisse Zukunft
Möglich, dass auch dieser Roman fortgesetzt wird, denn am Ende bricht die 16-jährige Giovanna in eine ungewisse Zukunft nach Venedig auf. Ich wäre gespannt, zu erfahren, wie es weitergeht!

Elena Ferrante: Das lügenhafte Leben der Erwachsenen. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp 2020
www.suhrkamp.de

 

Weitere Rezensionen zu Romanen von Elena Ferrante auf diesem Blog:

Alexander Häusser: Noch alle Zeit

  Zusammen ist man weniger allein

Der Zufall führt die beiden sehr unterschiedlichen Protagonisten des Romans 2019 auf einer Fähre von Dänemark nach Oslo zusammen. Der gut 60-jährige Edvard hat nach dem Tod seiner Mutter Hinweise gefunden, dass sein 1967 an seinem zehnten Geburtstag plötzlich verschwundene Vater Oskar Mellmann nicht tot war, wie seine Mutter Helene ihn glauben machte. Die Spur führt nach Norwegen, wo Oskar, wie er gern erzählte, im Zweiten Weltkrieg als Pilot stationiert war. Erschüttert und voller Wut über das Schweigen der Mutter macht sich Edvard, der nichts als sein Dorf hinter dem Elbdeich kennt, auf die Suche nach der Wahrheit.

Die 30-jährige Berlinerin Alva dagegen ist auf der Flucht vor sich selbst und den Erwartungen an sie. Immer „anders“ als alle anderen, wie durch eine „Scheibe“ vom Leben getrennt und nie von ihrer Mutter angenommen, kann sie ihre eigene Mutterrolle nicht ausfüllen. Sie ist auf der Suche nach sich selbst, auch wenn der vordergründige Anlass der Reise Recherchen für eine Fernsehreportage über magische Orte sind:

Mit den magischen Orten käme Ordnung in ihr Leben – Ordnung und Geld […]. Das war es doch, was ihre Mutter immer von ihr wollte: dass sie wie alle anderen sei. (S. 46) 

Edvard wie Alva sehnen sich nach Halt, Angenommensein, Liebe und einem erfüllten Leben.

Vom Dunkeln ins Helle
Zunächst hatte ich Sorge, dass Edvard, dem die Mutter seit dem Verschwinden des Vaters kein eigenes Leben und kaum Luft zum Atmen ließ, der nie die Kraft zur Befreiung aus ihrer Umklammerung aufbrachte, und der seine große Liebe Elsie aus Pflichtbewusstsein seiner Mutter gegenüber verlor, bei Alva in erprobte Muster fallen und zum „Kümmerer“ würde. Doch im Gegenteil finden beide einen Weg, ihre Projekte zu verbinden und sich gegenseitig zu stützen:

Er öffnete die Augen, sie strich ihm übers Haar und begriff, dass man den anderen auch trösten kann, wenn einem selbst genau so kalt war. (S. 214)

Bei Edvard kehren immer mehr verschüttet geglaubte Erinnerungen zurück und vor allem Alva wächst über sich hinaus:

Es durfte keine Rolle spielen, was sie brauchte, wenn sie gebraucht wurde. (S. 249)

Es bedarf nicht immer der ganzen Wahrheit
Die Reise führt durch die fantastische Landschaft Norwegens von Oslo über den Wasserfall Sputrefossen nach Tromsø, mit der Fähre nach Honningsvåg, nach Kirkeporten, dem Felsen des Nordkaps und Opferstätte der Sami, und auf die vor Bergen liegende Insel Herdla, im Zweiten Weltkrieg Stützpunkt der deutschen Luftwaffe. Sie wird für beide zum Wendepunkt, von dem aus sie verändert heimkehren:

Das Leben verändert sich nicht an einem Tag. Doch eines Tages weiß man, dass es sich verändert hat. (S. 216)

Unbedingt lesenswert
Acht Jahre lang hat der 1960 geborene Autor Alexander Häusser an seinem vierten, von eigenen biografischen Ereignissen beeinflussten Roman Noch alle Zeit gearbeitet und dafür spürbar gründlich recherchiert. Historischer Hintergrund und Einzelschicksal sind hervorragend verbunden, die spannende Handlung ruhig und einfühlsam erzählt, die stimmigen Bilder, Metaphern und Motive lohnen ein gründliches Lesen und Wiederlesen. Haupt- und Nebenfiguren sind glaubhaft und mehrdimensional, so dass ich mehrfach vorschnelle Urteile revidieren musste, jedes Schicksal berührt, jedoch völlig ohne Kitsch. Besonders gut gefallen hat mir das Ende mit der perfekten Balance zwischen Auserzählen und Offenlassen.

Alexander Häusser: Noch alle Zeit. Pendragon 2019
www.pendragon.de

 

Weitere Rezensionen zu Romanen über Norwegen im Zweiten Weltkrieg auf diesem Blog:

     

Brian Sewell: Pawlowa oder Wie man eine Eselin um die halbe Welt schmuggelt

  Very british und leicht schräg

Seit wir im Sommer 2020 zwei wundervolle Wochen in einem Ferienhaus  mit dem Namen „Les trois ânes“ im Béarn verbrachten, bin ich bekennende Esel-Liebhaberin. Maximus, Raffa und Milly waren ebenso unterhaltsame wie anschmiegsame und angenehme Nachbarn, dankbar für jedes Grünzeug oder für Streicheleinheiten. Ein Buch über einen ganz besonderen Eselfreund müsste deshalb genau zu mir passen, meinte meine Freundin, und traf mit Pawlowa oder Wie man eine Eselin um die halbe Welt schmuggelt von Brian Sewell voll ins Schwarze.

Maximus, Raffa und Milly. © M. A. Busch
Maximus macht eine Rolle. © M. Busch

 

 

 

 

 

 

Ein verrückter Einfall
Mr B, ein sehr englischer, kleiner und drahtiger Gentleman von 50 Jahren, Spezialist für antike Geschichte mit Schwerpunkt Alexander der Große, Liebhaber von Büchern und Teppichen, erblickt bei Dreharbeiten im chaotischen Stoßverkehr von Peschawar ein viel zu schwer beladenes, verängstigtes Eselsfohlen. Spontan beschließt der Tierfreund zum Entsetzen des Filmteams, mit Pawlowa, wie er das Tier wegen seiner langen Beine in Erinnerung an die russische Ballerina Anna Pawlowa später nennen wird, zu Fuß nach England zurückzukehren:

„Was sollen wir den Leuten sagen, wenn wir wieder in London sind?“ fragte der Regisseur […].
„Die Wahrheit: dass ich eine kleine Eselin gefunden habe und mit ihr zu Fuß nach Hause gehe.“
„Sie sind verrückt“, sagte der Regisseur.
„Mag sein“, sagte Mr. B. „Aber es ist eine anständige Art von Verrücktheit, zu der Sie nicht fähig sind. […]“ (S. 13/14)

© B. Busch

Es wird ein langer, abenteuerlicher Weg, aber Fußmärsche bleiben ihnen weitgehend erspart und sie brauchen nur gut 30 Tage für die gut 4000 Meilen. Überall treffen sie auf verständnisvolle, hilfsbereite und gastfreundliche Menschen, Apotheker, Buchhändler, Teppichverkäufer, Diplomaten, Bus- oder Lieferwagenfahrer, Botschaftschauffeur, Schaffner oder Camper, bis sie schließlich den letzten Teil der Reise im bequemen Rolls Royce des schottischen Antiquars Hector zurücklegen können. Nur einmal droht Gefahr, als sie einem Heroinschmuggler über die pakistanisch-iranische Grenze als Tarnung dienen, aber davon ahnen sie glücklicherweise nichts. Sie schlafen an ungewöhnlichen Orten, genießen die Landesküchen (wobei es „Handkäs mit Musik“ wohl im Rhein-Main-Gebiet, nicht aber in Karlsruhe gibt!), genießen die abwechslungsreiche Natur und die Kulturen ihrer Gastländer.

30 gemeinsame Jahre sind ihnen anschließend noch in Mr Bs Villa in Wimbledon vergönnt, bis sie beide hochbetagt sterben und Mrs B ihre Geschichte zu Papier bringt.

Wiedergutmachung in Buchform
„Mit einem schlechten Gewissen wegen jenes Esels in Peschawar“, wie es in der Widmung des Büchleins zu lesen ist, hat der laut Guardian „berühmteste und umstrittenste“ Kunstkritiker und Kolumnist Großbritanniens und große Tierfreund Brain Sewell (1931 – 2015) diesen kleinen Roman kurz vor seinem Tod verfasst. Es ist die anrührende Geschichte eines Mannes mit großer Tier- und Menschliebe, mit Mut, Selbstlosigkeit, Gottvertrauen und einer gesunden Portion Naivität, charmant-altmodisch und mit viel britischem Humor erzählt. Die wirklich entzückenden, mit einem Augenzwinkern gezeichneten kleinen Schwarz-Weiß-Zeichnungen stammen von der Cartoonistin Sally Ann Lasson. Vermisst habe ich lediglich eine Landkarte, die es nur in der englischen Originalausgabe The White Umbrella gibt, benannt nach Mr Bs wichtigstem Utensil.

Wen dieses zauberhafte Büchlein nicht anrührt, hat kein Herz für Tiere und Sonderlinge und hatte sicher noch nie einen Esel als Nachbarn.

Brian Sewell: Pawlowa oder Wie man eine Eselin um die halbe Welt schmuggelt. Aus dem Englischen von Claudia Feldmann. Insel 2017
www.suhrkamp.de

Stephen Crane: Die rote Tapferkeitsmedaille

  Perspektivwechsel

Stephen Crane (1871 – 1900), früh an Tuberkulose verstorbener Sohn eines Methodistenpredigers und keinem Skandal abgeneigt, erlangte in Deutschland nie gleiche Bekanntheit wie im angelsächsischen Raum. Dabei wurde sein bekanntestes Werk aus dem Jahr 1895, das bis heute Pflichtlektüre in US-Schulen und -Universitäten ist, The Red Badge of Courage, mehrfach unter verschiedenen Titeln ins Deutsche übersetzt. Er beeinflusste Erich Maria Remarque und Ernest Hemingway wie H. G. Wells waren von seiner großen Bedeutung überzeugt.

Pulverdampf und Kanonendonner
Während des amerikanischen Bürgerkrieg meldet sich der einzelgängerische Schüler und Bauernsohn Henry Fleming freiwillig zur Unionistenarmee und kommt zum 304. Regiment. Die Geduld der „Frischlinge“ wird auf eine harte Probe gestellt, im Lager herrscht Monotonie und Henry versinkt in Grübeleien:

Wusste er wirklich mit hundertprozentiger Sicherheit, dass er im Zweifelsfall nicht türmen würde? (S. 21)

Er schwankt zwischen Extremen, ist zerrissen zwischen Stolz, Zweifeln, Verzweiflung, Euphorie, Wut auf die Vorgesetzten, Weltschmerz, Heimweh, Neugier und Sehnsucht:

Der Krieg, hatte der Junge einmal gelernt, mache aus jedermann einen echten Mann. Er hatte darin immer seine Rettung gesehen und all seine Hoffnungen auf die entscheidende Schlacht gesetzt. (S. 49)

Doch kaum kommt es zur Feindberührung, ergreift Henry panisch die Flucht. Seine Verwundung, die „rote Medaille der Tapferkeit“, zieht er sich ironischerweise bei der Auseinandersetzung mit einem anderen Flüchtenden zu. Zwar bleiben ihm Strafe und Hohn erspart, doch leidet sein Selbstbewusstsein:

Die moralische Rechtfertigung lag dem Jungen sehr am Herzen. Ein Freispruch musste her, weil er sonst nicht in der Lage sein würde, mit der abstoßenden Medaille der Feigheit durchs Leben zu gehen. Da ihn sein Herz immer wieder der Feigheit beschuldigte, mussten wohl oder übel seine Taten das Gegenteil beweisen. (S. 119/120)

Scham und die erlauschte Verachtung der Vorgesetzten für seinen Truppenteil werden für Henry zum Wendepunkt.

Ein Blick aus der Distanz
Erst der nachgestellten Erzählung Der Veteran kann man das Geschehen historisch verorten. Dies genauso wie ihr Ausgang sind für Stephen Crane nicht von Bedeutung, liegt sein Fokus doch ausschließlich auf den Befindlichkeiten des nicht immer sympathischen personalen Erzählers. Der macht im Alter keinen Hehl mehr aus seiner anfänglichen Flucht und erschüttert damit nachhaltig den Heldenglauben seines Enkels.

© B. Busch

„Roman plus“
Die Neuübersetzung von Stephen Cranes bekanntestem Roman durch Bernd Gockel unter dem Titel Die rote Tapferkeitsmedaille im Pendragon Verlag wird hervorragend ergänzt durch die Erzählung Der Veteran sowie ein kurzes interpretierendes Nachwort von Thomas F. Schneider und ein 68 Seiten umfassendes Porträt Cranes von Rüdiger Barth. Diese Beigaben waren äußerst hilfreich für mich, denn den metaphern-, farb- und teilweise pathosgesättigten Klassiker, der nahezu komplett auf dem Schlachtfeld spielt, las ich dadurch zwar nicht mit Genuss, aber doch mit spürbarem Gewinn. Erst mit Hilfe dieser Ergänzungen verstand ich das revolutionär Neue am Schreiben Cranes, der bis dato weder den amerikanischen Bürgerkrieg noch eine andere Schlacht je erlebt hatte: die konsequente Darstellung des Krieges aus der Sicht eines einfachen Rekruten, Achterbahnfahrt der Gefühle anstatt Kriegstaktik, aber leider keine grundsätzliche Infragestellung von Kriegen.

Stephen Crane: Die rote Tapferkeitsmedaille. Übersetzt von Bernd Gockel mit einem Nachwort von Thomas Schneider und einem Crane-Porträt von Rüdiger Barth. Pendragon 2019
www.pendragon.de

 

Rezension zu einem biografischen Roman mit Stephen Crane auf diesem Blog:

Andreas Kollender: Mr. Crane

  Zwei Wochen in Badenweiler

Was äußerlich zunächst einen Künstlerroman oder eine Biografie über den in Deutschland bisher wenig bekannten US-amerikanischen Journalisten, Kriegsberichterstatter und Autor Stephen Crane (1871 – 1900) vermuten lässt, entpuppt sich bei der Lektüre als virtuos komponierter Roman, in dessen Mittelpunkt eine junge Krankenschwester steht. Trotzdem sind Titel und Foto gut gewählt, denn Mr. Crane verändert auf denkbar intensive Weise das Leben von Elisabeth T. Camphausen, zunächst bei seinem achttägigen Aufenthalt als schwerkranker Tuberkulosepatient im Sanatorium „Villa Eberhard“ in Badenweiler im Schwarzwald und 14 Jahre später indirekt erneut, als der junge Leutnant Bernhard Fischer ebenfalls acht Tage dort verbringt.

28. Mai bis 4. Juni 1900
Bei Cranes Ankunft wird die 25-jährige Elisabeth ihm wegen ihrer Englischkenntnisse als Pflegerin zugeteilt. Sie kennt seine Bücher, sein wichtigstes Werk The Red Badge of Courage, über den Amerikanischen Bürgerkrieg aus der Sicht eines einfachen Soldaten, aber vor allem The Monster über einen Mann, dessen Gesicht durch ein Feuer entstellt wurde, genau wie ihres. Weder ihre Eltern, noch ihr Mann oder ihre Kollegen haben ihre vernarbte linke Gesichtshälfte je thematisiert oder berührt. Anders Crane:

„Es gibt viele gesichtslose Menschen, Schwester Elisabeth“ röchelt er. „Aber Sie, ich bitte Sie, Ihre Narben sind doch gar nicht so schlimm. Sie sind schön, Schwester.“ (S. 92)

Crane, von Todesängsten gepeinigt, erzählt Elisabeth im Fieberwahn Bruchstücke seiner Biografie und hört ihr zu. Sofort fühlt sie sich von dem nur wenig älteren, unsteten und weitgereisten Schriftsteller magisch angezogen und verfällt ihm. Für die temperamentvolle, im Herzen rebellische Frau ist er nicht nur „meine erste wirkliche Liebe“ (S. 192), sondern Symbol eines freieren Lebens.

25.September bis 2. Oktober 1914
14 Jahre später belegt der erste Kriegsverwundete, Bernhard Fischer, Cranes ehemaliges Zimmer. Er spricht nicht, hat jedoch ein Buch Cranes im Gepäck. Schlagartig wird Elisabeth ins Jahr 1900 zurückkatapultiert. „Ihren“ Mr. Crane konnte sie damals nicht retten, kann sie nun Fischer vor einer Rückkehr an die Front bewahren? Und ihrem Leben eine neue Richtung geben?

Als Mr. Crane verschwand, war der Zeitpunkt gekommen, an dem auch sie hätte gehen müssen. Aber Elisabeth rettete sich in die Villa. In die Ehe zu einem Mann, der kein Wort über ihre Narben sagte und sehr, sehr freundlich war. Sie suchte Zuflucht in der Enge des Kaiserreiches und ihrer Privilegiertheit als Arzttochter und der gleichzeitigen Chancenlosigkeit als Frau. (S. 97)

© B. Busch

Äußerst geschickt vernetzte Geschichten
Andreas Kollender
verknüpft in seinem Roman zwei abwechselnd erzählte, fiktive Geschehnisse meisterhaft mit unscharfen biografischen Mosaiksteinen Cranes. Die Figuren sind lebendig, vieldimensional und voller Widersprüche, so dass ich beständig zwischen Sympathie und Abstoßung, Mitleid und Unverständnis schwankte und immer wieder überrascht wurde. Die Details der obsessiven Beziehung zwischen Elisabeth und Crane sind sicher Geschmacksache und sprachen mich wenig an. Auch über die körperlichen Höhenflüge Cranes und die Sorglosigkeit einer Krankenschwester angesichts eines infektiösen Patienten war ich verwundert, aber dies alles zeigt doch den überbordenden Lebenshunger der Protagonisten.

Die sehr anregende Lektüre lohnte in jedem Fall: als erste Begegnung mit dem mir bislang unbekannten amerikanischen Schriftsteller, Porträt einer unangepassten jungen Frau, Plädoyer gegen Kriegsgräuel und Ansporn zum Widerstand vermeintlich Machtloser. Nun bin ich gespannt auf die Neuübersetzung von Stephen Cranes erfolgreichstem Roman Die rote Tapferkeitsmedaille in ebenso hochwertiger Aufmachung und gleichfalls aus dem Pendragon Verlag, der zur Lektüre bereitliegt.

Andreas Kollender: Mr. Crane. Pendragon 2020
www.pendragon.de

Meine Lese-Highlights 2020

Es geht uns mit Büchern wie mit den Menschen. Wir machen zwar viele Bekanntschaften, aber nur wenige erwählen wir zu unseren Freunden. (Ludwig Feuerbach)

© B. Busch

Meine liebsten Bücher 2020 sind nicht alle in diesem Jahr erschienen, sie haben mich aber im Laufe des Jahres am nachhaltigsten beschäftigt und sind zu Freunden geworden. Mein Kriterium ist dabei weder, dass die Bücher sich bereits über lange Zeit als Klassiker bewährt haben, noch die Überzeugung, dass sie auch in hundert Jahren noch gelesen werden. Es ist eine subjektive Auswahl von Titeln, die für mich im genau richtigen Augenblick kamen.

Von links oben nach rechts unten:

Paul Maar: Wie alles kam. S. Fischer 2020
Thomas Hettche: Herzfaden. Kiepenheuer & Witsch 2020
Michael Crummey: Die Unschuldigen. Eichborn 2020
Isabelle Autissier: Klara vergessen. Mare 2020
Anne von Canal: Mein Gotland. mare 2020
Vicki Baum: Vor Rehen wird gewarnt. Arche 2020
Monika Helfer: Die Bagage. Hanser 2020
Tarjei Vesaas: Das Eis-Schloss. Guggolz 2019
Amanda Sthers: Lettre d’amour sans le dire. Grasset 2020
Charles Lewinsky: Der Halbbart. Diogenes 2020
Jens Rassmus: Juhu, LetzteR. G&G Nilpferd 2020
Sorj Chalandon: Am Tag davor. dtv 2019

Christoph Nußbaumeder: Die Unverhofften

  Familiensaga aus dem Bayerischen Wald

Ein Verbrechen und eine Lüge stehen im Mittelpunkt von Christoph Nußbaumeders 670 Seiten umfassendem Debütroman Die Unverhofften, der auf seinem 2010 in Bochum uraufgeführten Drama Eisenstein basiert. 120 Jahre – von 1899 bis 2019 – folgt er dem Schicksal zweier Familien und zeichnet persönliche Schicksale vor dem Hintergrund großer politischer und wirtschaftlicher Umbrüche.

Geografisches Zentrum der Geschichte ist die real existierende niederbayerische Gemeinde Eisenstein am Großen Arber nahe der deutsch-tschechischen Grenze. Wer nicht sein Leben lang hier bleibt, kehrt doch meist spätestens zu seinem Begräbnis zurück.

Das Verbrechen…
1899 ereignet sich in Eisenstein ein Verbrechen, das vier Generationen der Familien Hufnagel und Schatzschneider prägen wird: der „Glasfürst“ Siegmund Hufnagel, Erbe der Glasherrendynastie, vergewaltigt das Stubenmädchen Maria kurz vor ihrer geplanten Auswanderung nach Amerika. Voller Rachgier und Hass auf den Fabrikanten und die verräterischen Dörfler legt die junge Frau am 26.08.1900 das Glasimperium in Schutt und Asche und flieht. Doch anstatt zum Untergang wird die Brandstiftung für die Hufnagels zum Grundstein noch viel größeren Reichtums, denn mit der Versicherungssumme wird die sterbende Glasfabrikation durch ein zukunftsträchtiges Sägewerk ersetzt. Die Glasdynastie wird zur Holzdynastie.

… und die Lüge
1945 kommt die junge Erna Schatzschneider, Tochter Marias und Kriegsflüchtling aus Böhmen, nach Eisenstein. Aus Not schiebt sie ihren im Februar 1946 geborenen Sohn Georg dem amtierenden Chef der Holzfabrik, Josef Hufnagel, unter, was für Georg und Josefs nur zehn Wochen später geborene eheliche Tochter Gerlinde zum lebenslangen Verhängnis wird. Ernas Schweigen und Josefs Unwissenheit stellen die Weichen nicht nur für Georgs und Gerlindes Leben, sie sind Katalysator für berufliche Karriere und märchenhaften Aufstieg ebenso wie für wirtschaftlichen Abstieg, scheiternde Partnerschaften, gestörte Eltern-Kind-Beziehungen und Vereinsamung.

So viele Themen
Christoph Nußbaumeder verfolgt akribisch die Lebenswege unzähliger Figuren und verknüpft sie so konsequent, dass am Ende kein Faden lose bleibt. Allerdings sind nicht wenige Wendungen vorhersehbar und die Dramatik wird unnötigerweise durch einsetzende Gewitter oder klingelnde Telefone gesteigert. Wegen des fast durchgängig chronologischen Aufbaus in sieben Büchern („1899 bis 1900“, „1945 bis 1949“, 1964 bis 1966“, 1973 bis 1975“, „1982 bis 1984“, 1990 bis 1994“ und „2009, 2019, 1900“) – lediglich die letzten Seiten blicken noch einmal zurück auf Marias Leben nach ihrer Flucht – folgt man der Handlung fast zu leicht. Geschickt sind die Schicksale in die gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Meilensteine der deutschen Geschichte verwoben, seien es die Anfänge der Gewerkschaften, nationalsozialistische Verbrechen, Vertriebenentragödie, Aufarbeitung der Nazidiktatur, Wiederaufbau, Rassismus, Studentenbewegung oder Terrorismus bis zu den Veränderungen in der Wirtschaft hin vom persönlichen Unternehmertum zum gesichtslosen Investorentum, Globalisierung und Hartz IV.

Hören und sehen
Das leicht gekürzte Hörbuch mit angenehm kurzen Tracks und einer Laufzeit von 1239 Minuten, gelesen von einem souveränen Thomas Loibl und einer etwas zu pathetisch klingenden, in wütenden Szenen brilliernden Wiebke Puls, ist unterhaltsam und leicht zu erfassen. Zwischendurch habe ich mit der Vorhersehbarkeit, Zufällen und schwer nachvollziehbaren charakterlichen Kehrtwendungen gehadert, manchmal gar gefürchtet, dass der Schmöker zur Schmonzette wird, und hätte mir mehr bayerische Urigkeit gewünscht. Aber als die Geschichte am Ende zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehrte, konnte ich darüber hinwegsehen, denn im älteren Teil bis in die 1960er-Jahre liegt für mich die Stärke des Romans.

Durch die beim Zuhören entstehenden Bilder erschien mir der Roman wie das Drehbuch zu einem Film. Ich wäre deshalb nicht erstaunt, wenn Die Unverhofften bald im Kino oder Fernsehen zu sehen wären.

Christoph Nußbaumeder: Die Unverhofften. Gelesen von Thomas Loibl und Wiebke Puls. Der Hörverlag 2020
www.randomhouse.de

Anne von Canal: Mein Gotland

  Mit leichtem Gepäck

Als ich 2017 mit großer Freude den Roman Whiteout von Anne von Canal las, ahnte ich nichts von unserer gemeinsamen Leidenschaft: Gotland. Eine Begegnung dort war bisher ausgeschlossen, denn was für uns die Sommerinsel ist, ist für Anne von Canal ihr Winterparadies. Während wir kommen, wenn die Ostsee ein „freundliches“, „sommerliches“ Meer ist, in dem wir auf unseren ausgedehnten Radtouren gerne an menschenleeren Stellen baden, kennt die Autorin sie als „rauen“, „faltigen“ und „gewaltigen“ Gesellen, der bisweilen den Fährbetrieb unterbindet und die Insel komplett abschneidet.

Gotlands Fahne. © M. Busch

Was wir jedoch beide gleichermaßen lieben, sind der „Trost in dieser alten Landschaft“ und das „natürliche Einsamkeitsvorkommen“, das es, liebe Anne von Canal, auch im Sommer gibt, wenn man nicht gerade durch die mittelalterlichen Gassen von Visby schlendert. Unzählige Sätze in diesem wunderbaren Buch kann ich bedenkenlos unterschreiben, aber einer trifft ganz besonders gut auf mich zu:

Nach Gotland reise ich mit leichtem Gepäck. (S. 32)

© B. Busch

Wer Gotland liebt wie ich, geht nicht furchtlos an ein Buch über diesen Sehnsuchtsort. Wird die Insel so beschrieben, wie man sie kennt? Können andere Reisende die Seele, die man diesem Herzensplatz zuschreibt, überhaupt spüren? Die richtigen Worte für das Unsagbare finden? Entspannung schon nach wenigen Sätzen: Anne von Canal ist eine Meisterin ihres Fachs. In zehn Kapiteln über Menschen, Natur, Orte und Ereignisse erzählt sie nicht nur Geschichten über Gotland, sondern lässt uns den Wind um die Nase wehen, die Gischt spritzen, das Eis knacken und die Stille hören und kommt sich dabei selbst näher:

 

Kommen wir am Ende gar nicht des Ortes wegen, sondern nur, um uns selbst zu finden? (S. 58)

Da ist beispielsweise die Bugspitze eines deutschen Frachtschiffs, die in Norsholmen an der Nordspitze Fårös aus dem Meer ragt, die „Villa Villekulla“, Außendrehort der Pippi-Langstrumpf-Filme und heute im Vergnügungspark Kneippbyn aufgebaut, das Haus Ingmar Bergmans auf Få, der Kultort Kutens Bensin, Mischung zwischen Schrottplatz, Museum und Musikkneipe, das Lager Lingen in Havdhem, in dem deutsche und baltische Soldaten 1945 strandeten, bevor Schweden viele nach einer fragwürdigen Entscheidung an die UdSSR auslieferte, die Sommerfrische Fridhem der lungenkranken Prinzessin Eugénie oder zuletzt das große Konzert Klockrent, bei dem am 8. Juni 2013 alle über 200 Glocken der 92 alten Landkirchen und des Visbyer Doms zusammen musizierten.

Kutens Bensin. © M. Busch
Fridhem. © M. Busch

 

Eine Lieblingsgeschichte kann ich schwer benennen, aber das imaginäre Interview mit Ingmar Bergman, eine märchenhafte Liebschaft in Fridhem und das unvergleichliche Konzert haben mich besonders berührt.

Die Landkirche von Hörsne, die das Konzert eröffnete. © M. Busch
Der Dom S:t Maria zu Visby. © M. Busch

 

Zwischen den Kapiteln finden sich lesenswerte Betrachtungen zum Wesen von Inseln und dem, was sie in uns auslösen.

Am liebsten hätte ich noch während der Lektüre die Koffer gepackt, um mit dem wunderschön gestalteten 134-Seiten-Büchlein Altbekanntes wiederzusehen, Neues zu entdecken und wie immer mit dem ersten Schritt von der Fähre in einer anderen Welt anzukommen.

© M. Busch
© M. Busch

Vielen Dank, liebe Anne von Canal, für diese poetischen, atmosphärischen „Erzählungen von Wind, Zeit und Einsamkeit“, die mir zum Lesehighlight am Jahresende wurden. Vielleicht treffen wir uns ja doch irgendwann zu Milchkaffee und Saffranspannkaka – in „unserem“ Gotland-Sommer oder in „Ihrem“ Winter?

Der Schlusssatz aus Whiteout passt ebenso gut zu Mein Gotland:

Dies ist ein Ort, an dem Zweifel enden.

Anne von Canal: Mein Gotland. mare 2020
www.mare.de

 

Weitere Rezension zu einem Roman von Anne von Canal auf diesem Blog:

Der Buchhandel bringt’s!

Nur in Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt bleiben die Buchhandlungen während des zweiten Lockdowns geöffnet. In Bremen, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Thüringen und im Saarland sind zusätzlich zu Lieferdiensten auch Abholstationen für zuvor bestellte Bücher erlaubt. Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen gestatten dagegen nur Lieferdienste. In Baden-Württemberg läuft ein Eilantrag des Buchhändlers Rasmus Schöll, Inhaber der Ulmer Aegis Buchhandlung, gegen das unverständliche Verbot der im ersten Lockdown erlaubten kontaktlosen Abholstationen, unterstützt vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Der Verwaltungsgerichtshof Mannheim entscheidet darüber am 21.12.2020.

Bitte nutzen Sie während des neuerlichen Lockdowns wieder die Lieferdienste der unabhängigen Buchhandlungen und bestellen Sie Ihre Bücher nicht bei den Internetriesen und Buchhandelsketten. Die Buchhändlerinnen und Buchhändler in den kleinen Läden vor Ort tun das Menschenmögliche, um Ihre Bücher rechtzeitig vor Weihnachten zu liefern. Helfen Sie mit, diese wunderbaren Orte zu erhalten! Danke.

Vielen Dank an den Moritz Verlag für die Bereitstellung dieses originellen Plakats des Illustrators Jörg Mühle mit seiner Figur des Hasenkinds in Schutzkleidung und mit weihnachtlich-roter Mütze auf dem Kopf.

Update 21.12.2020: Der Verwaltungsgerichtshof Mannheim hat bedauerlicherweise (und in meinen Augen unverständlich) den gut begründeten Eilantrag abgewiesen. Bitte nutzen Sie deshalb weiterhin die Lieferdienste – natürlich auch nach Weihnachten!

Update 06.01.2021: Ab 11. Januar 2021 dürfen Kunden ihre vorbestellten Produkte auch wieder in den Geschäften in Baden-Württemberg und Bayern abholen. Nach dem Weihnachtsgeschäft seien keine großen Warteschlangen vor den Geschäften mehr zu erwarten, erklärte ein Sprecher der baden-württembergischen Landesregierung. Nur in Sachsen ist Click-and-Collect weiterhin verboten.

Sorj Chalandon: Am Tag davor

  Über und unter Tage

Das schwerste Grubenunglück der französischen Nachkriegsgeschichte war kein Schicksal, sondern Folge der Nichtbeachtung von Sicherheitsvorschriften zur Gewinnmaximierung. Am 27.12.1974 starben im nordfranzösischen Kohlerevier 42 Kumpel bei einer Gasexplosion im schon lange als gefährlich bekannten Schacht 3b der Zeche Saint-Amé in Liévin-Lens. Ein Gericht erkannte 1981 trotz mangelhafter Bewetterung und fehlender Explosionssperren sowie Branddämme keine grobe Fahrlässigkeit. Den Hinterbliebenen wurden drei Arbeitstage im Dezember und die Kleidung der Toten in Rechnung gestellt. Fast 100 Jahre nach Émile Zolas großem, überaus empfehlenswertem Klassiker Germinal über die Zustände in den nordfranzösischen Bergwerken während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war diese Katastrophe ein Beweis für die weiterhin mörderischen Arbeitsbedingungen unter Tage.

Vor und nach dem Unglück
Auf dieser realen Tragödie basiert der Roman Am Tag davor des 1952 in Tunis geborenen, in Frankreich vielfach ausgezeichneten Journalisten und Autors Sorj Chandalon, der den Opfern ein Denkmal setzt und darüber hinaus vom Schicksal der Familie eines fiktiven 43. Opfers erzählt. Die Eltern sind Bauern und hoffen, dass einer der beiden Söhne sich für die Scholle und gegen die Kohle entscheidet, doch Joseph, den Älteren, zieht es nach dem geplatzten Traum vom Motorsport unter Tage. Michel, der 14 Jahre jüngere Ich-Erzähler, himmelt den Bruder an. Am Vorabend der Katastrophe darf er Joseph bei einer nächtlichen Spritztour mit dem Moped erstmals kutschieren, ein unvergessliches Erlebnis:

Diese Nachtfahrt würde ein Davor und ein Danach haben. (S. 22)

Das Unglück am nächsten Morgen um 6.19 Uhr verändert schlagartig das Leben vieler Familien. Joseph stirbt mit nur 30 Jahren am 22.01.1975 im Krankenhaus, zu spät, um bei der Trauerfeier für die Opfer geehrt oder auf der Gedenktafel vermerkt zu werden. Sein Vater nimmt sich ein Jahr später das Leben und hinterlässt eine klare Anweisung:

Michel, räche uns an der Zeche. (S. 78)

Michel schlägt sich mühsam durchs Leben, wird Automechaniker, geht nach Paris, arbeitet dort als Fernfahrer und errichtet in seiner Garage ein Mausoleum für den toten Bruder:

Ich war an Josephs Tod verwelkt. Meine Jugend war alt geworden. (S. 28)

Die Rache
Erst 2014, nachdem er beim Tod seiner geliebten Frau Cécile zum zweiten Mal allein zurückbleibt, plant er generalstabsmäßig seine Rache. Er kehrt zurück in den Norden, mietet unter falschem Namen ein Haus und macht den in seinen Augen Verantwortlichen aus:

Ich kannte mein Ziel: Dravelle, den Steiger, der für die Sicherheit verantwortlich gewesen war. […] Ich musste Lucien Dravelle töten. (S. 123/124) 

Zwei unterschiedliche Teile
Damit wird aus einem packenden, sehr bewegenden Roman über das Grubenunglück im zweiten Teil ein Gerichtsdrama, das unglaubliche Wahrheiten zutage fördert und mir den sicher geglaubten Boden unter den Füßen weggezog. Selten habe ich einen so geschickt inszenierten Roman gelesen, wurde ich so überrumpelt und gefordert bei der Unterscheidung zwischen Opfern und Tätern:

Saint-Amé hat aus meiner Familie Opfer und aus mir einen Verbrecher gemacht. (S. 206)

Am Tag davor ist eine persönliche Tragödie vor dem Hintergrund einer historischen, ein vielschichtiger psychologischer Roman über jahrzehntelange Leidenswege, eine Abhandlung über den Umgang mit Schuld und eine Auseinandersetzung mit den Themen Erinnernung, Wahrheit und Verdrängung. Unbedingt lesenswert!

Sorj Chalandon: Am Tag davor. Aus dem Französischen von Brigitte Große. dtv 2019
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