Leïla Slimani: Der Duft der Blumen bei Nacht

  Nachts allein im Museum

Mit einem Blick in ihre Schreibstube, eine dunkle Höhle von drei mal vier Metern, beginnt Leïla Slimani ihren autobiografischen Bericht Der Duft der Blumen bei Nacht. Sie schreibt am ersten Band ihrer Marokko-Trilogie, kämpft mit ihren Figuren, ringt körperlich um Wörter, übt sich in Disziplin und im strikten Nein-Sagen bei Ablenkungen aller Art.

Mit Skrupeln sagt sie kurz darauf trotzdem ihrer Verlegerin Alina Gurdiel für das Literaturprojekt Ma nuit au musée (Meine Nacht im Museum) zu. Die Verlockung völliger Abgeschiedenheit ist übermächtig:

Wir alle träumen von Klausur, von Zimmern für uns allein, in denen wir zugleich Gefangene und Kerkermeister sind. In allen Tagebüchern, in allen Briefwechseln von Autorinnen und Autoren, die ich gelesen habe, zeigt sich diese Sehnsucht nach Stille, dieser Traum vom Rückzug, die der Kreativität so förderlich sind. (S. 21)

Eine Nacht allein im Museo Punta della Dogana in Venedig. © B. Busch

Zwischenwelten
Im April 2018 trifft Leïla Slimani in Venedig im Museo Punta della Dogana ein. In der ehemaligen Zollstation aus dem 17. Jahrhundert, einem gleichschenkligen Dreieck mit 5000 Quadratmetern, die heute ein Museum für moderne Kunst beherbergt, steht ein schmales, unbequemes Feldbett für sie bereit.

Mit Kunst, moderner im Besonderen, kann Leïla Slimani nicht viel anfangen, war doch ihre Kindheit im marokkanischen Rabat in Ermangelung von Museen durch Literatur und Filme geprägt:

Es mag dumm sein, es mag damit zu tun haben, dass ich Schriftstellerin bin und dass jedes Buch gleichbedeutend ist mit einem Kampf, mit einem langen Zeitraum, einem Hinauswachsen über sich selbst, aber die Einfachheit gewisser Werke macht mich ratlos. (S. 60)

Der nächtliche Rundgang durch die stillen Säle, vorbei an Gemälden, Plastiken, Installationen, Bildschirmen, Vitrinen und Fotografien, setzt einen Gedankenstrom in Gang. Je weiter die Nacht fortschreitet, desto eindringlicher werden die Erinnerungen an ihre marokkanische Kindheit, die Unterschiede zwischen dem liberalen Elternhaus und den Grenzen im öffentlichen Raum und das damit verbundene Eingesperrtsein, die jugendlichen Fluchtfantasien und das Scheitern ihres Vaters, der unschuldig im Gefängnis saß und daran zerbrach, ein Umstand, der Leïla Slimanis Schriftstellerkarriere mitbegründete. So wie die Zollstation eine Zwischenwelt für Waren von und nach Venedig bildete, fühlt auch sie sich nach 20 Jahren in Paris als Mensch „zwischen zwei Kulturen“, ohne Fundament und feste Verankerung:

Zerrissen zwischen den Gemeinschaften, denen ich angehöre, fehlte mir ein prägendes Territorium, das mich genährt hätte, und so schrieb ich in wackliger Balance. (S. 136)

Und so ist dieses nur knapp 160 Seiten in großzügigem Druck umfassende Büchlein eine Erzählung vom Eingeschlossensein und von der Befreiung gleichermaßen und ein wenig auch von der Kunst. Es handelt von Stille, Einsamkeit, dem Geruch des Nachtjasmins als Duft der Freiheit, von Identitäten, Ängsten und Hoffnungen, alles ineinanderfließend und durch viele Zitate schreibender Kolleginnen und Kollegen klug ergänzt.

Viel mehr als ein Pausenfüller
Ich hatte vor der Lektüre keine hochgesteckten Erwartungen, wollte lediglich die Zeit bis zur Fortsetzung der marokkanischen Familiensaga überbrücken, und wurde sehr positiv überrascht. Je länger ich las, desto tiefer tauchte ich in Leïla Slimanis Gedankenstrom ein, zunehmend fasziniert von ihren elegant und präzise formulierten, intelligenten, sehr persönlichen und ebenso anrührenden wie anregenden Betrachtungen.

Leïla Slimani: Der Duft der Blumen bei Nacht. Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Luchterhand 2022
www.penguinrandomhouse.de

 

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