Marianne Philips: Die Beichte einer Nacht

  Die eigene Hölle

Ich setze mich zu Ihnen, Schwester. Das ist nicht erlaubt, ich weiß es. Aber ich mache es trotzdem – ich habe so lange nicht mehr auf einem Stuhl gesessen, an einem Tisch mit einer Lampe drauf. (Romananfang S. 7)

 

Mit diesen Worten beginnt die Ich-Erzählerin Heleen eine beklemmende Lebensbeichte und bricht nach sieben Monaten in einer Nervenheilanstalt ihr Schweigen. Anders als der deutsche Romantitel Die Beichte einer Nacht nahelegt, sind es zwei Nächte, in denen Heleen einer Nachtschwester ungeschönt ihr Leben erzählt, hauptsächlich, um sich selbst Klarheit zu verschaffen:

Ich liege da und will begreifen – ich suche und finde immer wieder andere Gründe, warum das Unglück geschehen musste. Aber den ursächlichen Grund finde ich nicht. (S. 164)

Die handarbeitende Schwester bleibt völlig stumm, nur Randbemerkungen lassen ihre Reaktionen erahnen. Dass der Tag zwischen den beiden Nächten eine Veränderung für Heleen bringt, legt nahe, dass die Zuhörerin wider Willen aufmerksam lauscht – bis Heleen nach zwei Nächten mit den Worten endet:

Schwester! Was machen Sie jetzt? Beten Sie? Für mich? (S. 263)

© B. Busch

Aufstieg und Fall einer schönen Frau
Als ältestes von zehn Kindern einer durch einen Unfall des Vaters verarmten niederländischen Bürgersfamilie muss Heleen früh Verantwortung übernehmen, besonders für die jüngste Schwester Lientje. Ein Ausweg scheint nach nur sechs Schuljahren die Arbeit im Schneideratelier einer Französin. Dort lernt sie einen Handelsvertreter kennen, der ihr den Weg in die Stadt ebnet:

Meine Wahl war nicht falsch. Ich bereue sie nicht. (S. 78)

Mit Ehrgeiz, Fleiß und dank ihrer Schönheit schafft sie den beruflichen, später auch den gesellschaftlichen Aufstieg, immer bemüht, „nicht billig zu sein“, bleibt aber trotz ihrer Männerbekanntschaften zutiefst einsam. Mitte 20 beginnt ihre Angst vor dem Alter und sie geht eine kurze, traumatische Ehe mit einem reichen Kunstkritiker ein:

Bis heute ist mir unklar, warum ich ihn geheiratet habe. Ich muss taub und blind gewesen sein – oder so müde, dass mir alles egal war außer meiner eigenen Bequemlichkeit. (S. 121)

Als das Glück dann in Person des Sportlehrers Hannes doch noch vor ihrer Tür steht, kann sie ihm nicht trauen. Die Liebe macht sie verletzlich, ihr Selbstvertrauen leidet unter ihrer vergehenden Schönheit und das Drama nimmt seinen Lauf.

Ein Roman mit Sog
Die Beichte einer Nacht konnte ich, einmal begonnen, nicht mehr aus der Hand legen. Die faszinierende Erzählform in Kombination mit der von Beginn an heraufziehenden Katastrophe, die genaue Innenperspektive einer tragischen Frauenfigur, die detaillierte Beschreibung des sozialen Umfelds und aller Figuren sowie die Anklage gegen die zeitgenössische Psychiatrie machen für mich diesen unbekannten Klassiker zu einer unbedingt lesenswerten Entdeckung.

Kein bisschen verstaubt
Als der Roman der niederländischen Jüdin Marianne Philips (1886 – 1951) im Jahr 1930 unter dem Titel De Biecht erschien, war er Teil einer Therapie im Rahmen einer Psychoanalyse. 1913 hatte die Autorin wegen einer Wochenbett-Depression bereits sechs Monate in einer Nervenklinik verbracht. Auch sonst finden sich zahlreiche Parallelen zur Biografie der politisch bei den Sozialdemokraten engagierten dreifachen Mutter, wie ihre Enkelin, die Historikerin Judith Belinfante, in ihrem sehr lesenswerten Nachwort erklärt. Welch ein Glück, dass der Diogenes Verlag diesen so modern anmutenden Klassiker nun auf Deutsch zugänglich macht. Die wegen seiner Außergewöhnlichkeit zwiegespaltenen Kritiken der Zeitgenossen werden sich heute bestimmt nicht wiederholen.

Marianne Philips: Die Beichte einer Nacht. Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart. Mit einem Nachwort von Judith Belinfante. Diogenes 2021
www.diogenes.ch

 

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