Dirk Kurbjuweit: Der Ausflug

  Fluss-Movie mit deutlichen Schwächen

Eine ausgesprochen unsympathische Viererbande in den Dreißigern steht im Mittelpunkt von Dirk Kurbjuweits Roman Der Ausflug. Während der Schulzeit drangsalierten sie uncoole Mitschülerinnen und Mitschüler, nun treffen sich die Historikerin Amalia, die noch immer an ihrer Doktorarbeit herumlaboriert, der Apotheker und in Deutschland geborene Sohn politischer Flüchtlinge aus Gambia, Josef, Amalias jüngerer Bruder Bodo, ein Weltenbummler, und der Familienvater Gero jedes Jahr zu einer gemeinsamen Unternehmung. Amalia und Josef waren einst ein Paar, jetzt ist Josef anderweitig verheiratet und hat einen kleinen Sohn, während Amalia sich auf Tinder tummelt und sicherheitshalber Eizellen eingefroren hat.

Der aktuelle Ausflug führt in eine Gegend, die der Spreewald sein könnte, wo auf den „Fließen“ des Flussdeltas eine Kanutour mit Camping geplant ist. Doch schon bevor sie die gemieteten Kanus übernehmen, verdichten sich die schlechten Vorzeichen. Im Gasthof wird Josef plump rassistisch beleidigt und kurz wird ein Abbruch erwogen, doch wieder verworfen, weil man vor den „Rassistenarschlöchern“ nicht zurückweichen will. Ein Albtraum beginnt, der sich zum Spiel um Leben und Tod auswächst und gruppendynamische Prozesse übelster Sorte in Gang setzt.

Von düsteren Andeutungen zum Holzhammer-Horror
Während ich im ersten Drittel des Romans durchaus gespannt auf den Verlauf der Tour war, hat mich der Autor in der Folge leider zunehmend verloren. Zu den Neugier weckenden düsteren Andeutungen am Beginn, wie beispielsweise der Gedenkstätte für ein Unfallopfer am Straßenrand oder die stumm starrenden Flussanrainer, die tatsächlich ein Gänsehautgefühl bei mir auslösten, kamen mehr und mehr hanebüchene Begegnungen und eine Abfolge abstruser Einschüchterungsspielchen der Gasthaus-Rassisten. Diese scheinen immer haargenau vorauszuahnen, wo die zunehmend orientierungslos auf dem Wasser umherirrenden Protagonisten anzutreffen sind, um ihnen unter anderem eine Drohne mit einem Revolver und einem 24-Stunden-Ultimatum, einen geköpften Vogel Strauß oder eine kopflose schwarzen Puppe zu präsentieren. Vor diesem völlig überzogenen Hintergrund ausgeklügelter Hinterhalte, der mich mit seiner Unglaubwürdigkeit zunehmend ratloser machte und verärgerte, konnten mich weder die Auseinandersetzungen der oft pubertär wirkenden Protagonisten mit ihren deplatzierten Dialogen und ihrem inadäquaten Benehmen noch die Rückblicke in ihre nicht besonders originelle Vergangenheit oder die überflüssigen Einlassungen zu Amalias Dissertationsthema packen.

Kein Beitrag zur Ost-West-Verständigung
Leider hat sich mir nicht erschlossen, was der Roman eigentlich sein möchte: Für einen Thriller hat mir die Spannung gefehlt, denn für die als Freundesgruppe seltsam empathielosen Protagonisten konnte auch ich keine Empathie entwickeln und entsprechend interessierte mich der Ausgang des Abenteuers zunehmend weniger. Als Horrorroman taugte allenfalls der Beginn mit den subtilen Vorzeichen der Katastrophe, nicht jedoch die plumpen Bedrohungen durch die Rassistenbande und das durch überzogene Gewalt geprägte Ende. Für einen Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte über Rassismus, Moral und Solidarität waren mir die Figuren zu plump und eindimensional gezeichnet. Mag sein, dass das Buch als Parabel oder Satire gedacht ist, aber im Laufe der ermüdenden Lektüre wurde ich es leid, darüber nachzusinnen. Eines steht jedoch zweifellos fest: Zur Ost-West-Verständigung trägt der Roman garantiert nicht bei.

Dirk Kurbjuweit: Der Ausflug. Penguin 2022
www.penguinrandomhouse.de

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