Bei den Prischingers wird niemand zurückgelassen

Bei den Griechen und Römern brachte der Fährmann Charon die Seelen gegen einen Obolus über den Styx. Was aber, wenn man das Geld für den Fährmann nicht aufbringen kann? Für die drei alten Prischinger-Schwestern Mirl, Wetti und Hedi ist die Antwort klar: Sie werden selbst zu Fährmännern. Willi, Hedis verstorbener Lebenspartner, der in seiner Heimat Montenegro begraben werden möchte, wird kurzerhand beim Metzger tiefgefroren, auf den Beifahrersitz verfrachtet, der Neffe Lorenz als Fahrer verpflichtet und schon beginnt bei auf Hochtouren laufender Kühlung die 1029 Kilometer lange Fahrt von Wien durch Slowenien, Kroatien und Bosnien nach Montenegro.
Die Vorgeschichte und der Ablauf dieser skurrilen Fahrt mit Leiche sind der rote Faden in Vea Kaisers drittem Roman Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger. Während der Ton in diesen Kapiteln trotz des Toten überwiegend komisch ist, sind die Kapitel dazwischen von ernsterem Inhalt bis hin zu Themen wie Kindesmissbrauch, Rassismus oder österreichische Zeitgeschichte und Politik. Zwischen 1953 und 2001 werfen sie Schlaglichter auf das Leben der vier Geschwister Prischinger, der drei Schwestern und Lorenz‘ Vater Sepp, sowie auf Willis Vergangenheit. In diesen Abschnitten geht es um Kindheit, Partnerschaften, Geburten, Trennungen und Schicksalsschläge aller Art. Sowohl Willi als auch die Schwestern leiden unter Traumata: der eine muss mit dem Tod seiner Halbschwester leben, die anderen mit dem ihres kleinen Bruders Nenerl, und immer geht es um Schuld. „Niemand wird zurückgelassen“ war Nenerls Wahlspruch – und doch ist ausgerechnet er verlorengegangen.
Vea Kaiser beherrscht sowohl die Komik als auch die Tragik und kann sehr unterhaltsam erzählen. Oft habe ich bei der Lektüre herzlich gelacht, teils über das originelle österreichische Vokabular, teils über loriothafte Szenen wie den Metro-Großeinkauf der Schwestern, Mirls pannenbehafteten Heiratsantrag, die ablenkende Gesprächsführung der Schwestern, den Stellenwert der Mahlzeiten („Essen rettet jede Situation“) oder der Tupperware. Gelegentlich wurde es mir aber zu slapstickhaft, wenn das Transportgefährt ausgerechnet ein quietschroter Fiat Panda war, die Reisenden auf einen Bus mit 24-Stunden-Pflegerinnen aus Bulgarien trafen oder ein Zwischenstopp im Pilgerort eingelegt wurde. Auch das Loblied auf die sehr engen Familienbande, die den drei so unterschiedlichen Schwestern manchmal fast die Luft zum Atmen zu nehmen scheinen, hat mich nicht voll überzeugt. Gut gelungen ist dagegen die Entwicklung der originellen Figuren, denn die Fahrt nach Montenegro verändert Lorenz, Mirl, Wetti und Hedi: „Lorenz gefiel der Gedanke, dass auch Onkel Willi seiner hinterbliebenen Familie neue Wege aufgezeigt hatte.“ Überhaupt Onkel Willi: Er ist nicht nur für mich der eigentliche Held des Romans, sondern auch für „drei alte Damen, die diesen Irrsinn aus Liebe und Zuneigung zu dem einzigen Mann unternommen hatten, der sie nie enttäuscht hatte“.
Vea Kaiser: Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger. Kiepenheuer & Witsch 2019
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Im März 1946 kehrt die wohlhabende Witwe Mrs. Giulia Masca in das piemontesische Dorf Borgo di Dentro zurück, aus dem sie 45 Jahre zuvor schwanger und fast mittellos geflohen war. Damals hatte sie für ihre überstürzte Flucht ein Ticket dritter Klasse auf einem Überseedampfer gekauft, nun kommt sie in einer Erste-Klasse-Kabine in Genua an. Während ihr Sohn Michael angeblich in Geschäftsangelegenheiten für die familieneigenen „Groceries“ unterwegs ist, bleibt ihr Zeit für einen Besuch in ihrem Geburtsort. Doch was will sie überhaupt in Borgo di Dentro, wo sie die ersten 20 Jahre ihres Lebens bitterarm verbracht und nach drei Grundschuljahren von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang für einen Hungerlohn in der Spinnerei geschuftet hat, die Hände in einer Schüssel mit gekochten Seidenraupen im siedenden Wasser? Was, wenn sie ihrer damals besten Freundin, Anita Leone, wiederbegegnet, in deren Familie sie die Geborgenheit fand, die ihre Mutter ihr nicht bieten konnte? Wegen Anitas doppeltem Verrat hat sie während des großes Streiks Borgo di Dentro im Februar 1901 verlassen. War es Feigheit oder Mut? „Die Vergangenheit gibt es nicht“ ist zu Giulia Mascas Lebensmotto geworden, doch im Dorf trifft sie auf genau diese Vergangenheit.






