Tove Ditlevsen: Jugend

  Nützliche Männer

Die ersten 14 Jahre ihres Lebens bis 1932 waren Thema in Kindheit, Teil eins der autofiktionalen Kopenhagen-Trilogie von Tove Ditlevsen (1917 – 1976), die im Frühjahr 2021 in moderner Ausstattung im Aufbau Verlag erschien. Nur Teil drei, Abhängigkeit, gab es bereits 1980 unter dem Titel Sucht im Suhrkamp Verlag auf Deutsch, allerdings ohne nur annähernd den derzeitigen Hype auszulösen.

Nahtlos schließt der zweite Band Jugend an Kindheit an. Beide Romane verfasste Tove Ditlevsen 1967 in einer Entzugsklinik. Der Ich-Erzählerin Tove, deren biografische Eckdaten bis auf das um ein Jahr verlegte Geburtsjahr exakt mit denen der Autorin übereinstimmen, bleibt als Kind aus prekärem Arbeitermilieu trotz Begabung das Gymnasium verschlossen. Es beginnt eine wilde Abfolge von Anstellungen, zunächst in der Hauswirtschaft, dann in Büros, wo sie immerhin Maschineschreiben und Stenografie lernen darf. Ihr Traum vom Erfolg als Lyrikerin lebt im Geheimen weiter, obwohl ihr Vater diese Möglichkeit für ein Mädchen ausschließt:

Ich kann mir selbst nicht erklären, warum ich mir so sehr wünsche, dass meine Gedichte gedruckt werden und sich Menschen, die ein Gespür dafür haben, daran erfreuen können. (S. 79)

Der Zipfel der Welt
Als Tove vom Tod des Redakteurs Brochmann erfährt, der ihr Hoffnung auf eine Veröffentlichung ihrer Gedichte zu einem späteren Zeitpunkt gemacht hatte, ist es „der schwerste Tag ihres Lebens“ (S. 15). Sie weiß, dass der Weg zur Schriftstellerin über Männer mit Verbindungen führt. Doch auch der Antiquar Krogh, von dem sie sich Unterstürzung verspricht, verschwindet plötzlich:

Für die Welt bin ich nicht von Bedeutung, und immer, wenn ich einen Zipfel von ihr erhasche, entgleitet sie mir wieder. Menschen sterben, ihre Häuser werden abgerissen. Die Welt verändert sich unaufhaltsam, und nur die Welt meiner Kindheit bleibt bestehen. (S. 33) 

Mit ihrer neuen Freundin Nina wirft sich Tove ins Kopenhagener Nachtleben und macht Männerbekanntschaften, hauptsächlich, um die für ihre Lyrik entscheidenden Erfahrungen zu sammeln. Mit 18 löst sie sich aus den Fesseln ihrer Familie und bezieht samt einer gemieteten Schreibmaschine ein ärmliches Zimmer.

© B. Busch

Erste Veröffentlichungen
Ihr Gespür dafür, den richtigen Männern von ihren Gedichten zu erzählen, beschert ihr den ersehnten „Zipfel von jener Welt […], nach der ich mich sehne“ (S. 116) in Form der Adresse des Herausgebers der Literaturzeitschrift Wilder Weizen: Viggo F. Møller. Der über 30 Jahre ältere Mann druckt nicht nur ihr erstes Gedicht, Til mit døde barn (An mein totes Kind), sondern unterstützt 1939 auch die Veröffentlichung ihres ersten Gedichtbands Mädchenseele, eröffnet ihr die Welt der Literaten und wird ihr erster Ehemann:

Er ist der Mensch, auf den ich mein ganzes Leben gewartet habe. (S. 121)

Schonungslos offen
Jugend erschien mir im Ton trotz der Schilderungen sexueller Übergriffe, prekärer Lebens- und Arbeitsverhältnisse und weiblicher Diskriminierung optimistischer als der düstere Band Kindheit, der mir noch eine Nuance besser gefiel. Fast ausgeblendet werden die politischen Wirren der 1930er-Jahre in Dänemark und weltweit. Gleich sind beiden Teilen der lineare, umwerfend nüchterne, schonungslos offene und bisweilen humorvolle Erzählstil und die Geschichte eines Mädchens, das zwischen Zielstrebigkeit und Selbstzweifeln aufgrund ihrer Herkunft, Bildung, Sprache und Kultur schwankt.

© B. Busch

Tove Ditlevsen: Jugend. Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein. Aufbau 2021
www.aufbau-verlage.de

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