Ein Puppenhaus oder Am Ende ist jeder allein
Wer würde es sich nicht ab und zu wünschen, bei fremden Menschen Mäuschen zu spielen und sie in ihrem privaten Umfeld unbemerkt zu beobachten? Der Schweizer Journalist und Autor Max Küng gibt uns in seinem zweiten Roman Wenn du dein Haus verlässt, beginnt das Unglück die Möglichkeit dazu, die Bewohner der Züricher Lienhardstraße 7 hemmungslos auszuspionieren. Wie ein Riese, der das Dach und die Stockwerke eines Puppenhauses anhebt, bekommen wir Einblick in das Mietshaus mit seinen fünf so unterschiedlichen Parteien und werden während eines halben Jahres Zeugen ihres Alltags und ihrer kleinen und großen Tragödien. Am Ende dieser Zeit hat sich vieles verändert hat, ist manches besser geworden ist, ohne dass allerdings die zu Beginn an alle ausgesprochene Kündigung einen entscheidenden Einfluss darauf genommen hätte.
Eingerahmt wird die Geschichte von einem jeweils besonders gut gelungenen Prolog und Epilog, der uns gekonnt ins Thema einführt bzw. Bilanz und Ausblick liefert. Hier wird deutlich, wo für mich die größte Stärke des Romans liegt: in der Fähigkeit von Max Küng, Menschen zu beobachten und unaufgeregt über sie zu erzählen. Dabei entlarvt er die Schwächen seiner Protagonisten schonungslos und manchmal mit einem hintergründigen Humor. Ein banaler Vorgang wie das Staubsaugen wird bei ihm zu einer bildreich beschriebenen Szenerie, die ein ganz neues Licht auf diese vielleicht bisher gänzlich unterschätzte Tätigkeit wirft.
Da die Bewohner des Hauses nahezu durchweg für mich alles andere als Sympathieträger waren, ist es mir nicht gelungen, Empathie zu entwickeln. Ich habe ihr Leben interessiert beobachtet, ihr Wohlergehen hat mich aber größtenteils kaltgelassen. Ich habe mich über ihr Verhalten und ihre Wohlstandsprobleme sowie über ihre Unfähigkeit, etwas aus ihrem Leben zu machen, gewundert, wo sie doch eigentlich in jeder Hinsicht zu den Privilegierten unserer Gesellschaft gehören, und konnte so gut wie kein Mitleid für sie aufbringen.
Etwas verwundert war ich, dass die Kündigung der Mietverträge, die am Anfang des Romans steht, so wenig Einfluss auf die Handlung genommen hat. Hier hat der Autor in meinen Augen Potential verschenkt – oder wollte er uns gerade anhand dieses Beispiels zeigen, wie wenig sich die Protagonisten von äußeren Ereignissen zur Interaktion bringen lassen?
Alles in allem habe ich den Roman, der auch herstellungstechnisch vom Kein & Aber Verlag wie immer sehr schön gemacht ist, gerne gelesen, habe mich gut unterhalten gefühlt und war am Ende dankbar, nicht in einer solchen Nachbarschaft leben zu müssen.
Max Küng: Wenn du dein Haus verlässt, beginnt das Unglück. Kein & Aber 2016
keinundaber.ch
Der Titel des Romans könnte glauben lassen, dass es sich hier um eine zweitklassige Schnulze handelt, aber das ist Zu zweit tut das Herz nur halb so weh ganz bestimmt nicht. Der 2012 erschienene Debütroman der in Kentucky geborenen US-Amerikanerin Julie Kibler ist vielmehr eine Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Rassismus in den 1930er-Jahren bis heute und eine ebenso tragische wie berührende Liebesgeschichte.
Stephen, aufgewachsen in einem Londoner Waisenhaus, erführt plötzlich, dass er einen Großonkel hatte, der ihm den Landsitz Lansbury Hall in Cornwall hinterlassen hat. Die Erbschaft ist an die seltsame Bedingung geknüpft, dass er niemanden hineinlassen darf und alles weiterführen muss wie bisher. Das Gut gleicht einer Festung, niemand im Dorf hatte Kontakt zum Großonkel, und als Stephen in das verlassene Haus zieht, hat er das Gefühl, beobachtet zu werden.
Schon lange wollte ich diesen Klassiker der amerikanischen Literatur lesen, den das Time Magazine zu den besten 100 englischsprachigen Romanen und Elke Heidenreich zu ihren Lieblingsbüchern zählt. Dass es nun bei mir doch nicht für fünf Sterne gereicht hat, obwohl Carson McCullers (1917 -1967) die Atmosphäre in einer namenlosen heißen, schmutzigen Kleinstadt in Georgia am Ende der 1930er-Jahre mit großem erzählerischen Talent einfängt, liegt an der fast absoluten Hoffnungslosigkeit der Geschichte und der durchweg düster-depressiven Stimmung, die mich den Roman fast nicht hätte zu Ende lesen lassen.
Auch der dritte Teil der Ostfriesland-Krimireihe von Barbara Wendelken um die sympathischen Ermittler Renke Nordmann, Hauptkommissar im Polizeirevier von Martinsfehn, und Nola van Heerden, Oberkommissarin von der Kripo Leer, ist für mich wieder ein großer Wurf im Krimisegment. Selten passen Autorin und Leserin so perfekt zueinander wie bei dieser Serie, die inzwischen für mich die beste ist, die ich derzeit auf dem deutschen Krimimarkt kenne.
Das Besondere an diesem Bilderbuch ist die Erzählperspektive: Über das Leben des jungen Mozarts erzählt nämlich Thekla, das alte Reiseklavier. Es steht verstaubt auf dem Dachboden und berichtet über die Zeit vor 200 Jahren, als es die Kinder Wolfgang und Nannerl auf ihren ersten großen Reisen begleiten durfte. Viel Spannendes hat es erlebt und erzählt davon: von den ersten Klavierversuchen des Wunderkinds, vom Besuch bei der Kaiserin Maria Theresia und den Reisen durch Europa, aber auch von den Schattenseiten der frühen Karriere, von Krankheit und Geldsorgen.
Sie könnten unterschiedlicher nicht sein: der alte Griesgram MacMotz, superreicher Fabrikbesitzer und Zuckerwattehersteller, alleiniger Bewohner einer 144-Fenster-Villa, übellauniger Fiesling und meistgehasster Mensch weit und breit, und Danny, ältestes von sechs Geschwistern, die nie satt werden, Zuckerwatte hassen, eine Bruchbude mit nur vier Fenstern bewohnen, aber mit ihrem wunderbaren Vater eine tolle Familie bilden.
In seiner tragischen Novelle Die Sanfte aus dem Jahr 1876 erzählt Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821 – 1881) vom Leben und Tod eines 16-jährigen Mädchens, das sich durch einen Sturz aus dem Fenster das Leben nimmt.
Leserabe heißt die Erstleserreihe aus dem Ravensburger Buchverlag und je nach Schwierigkeitsgrad sind die Bände in drei Lesestufen für die Klassen eins bis drei eingeteilt.